Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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— 16 die meisten nicht. Nachdem der „Belfer" (zusammengezogen auS dem deutschen Worte Bethelfer), der Gehülfe des „Melammed", des Lehrers, ihnen die Buchstabe» mit manchen Nüssen — wie man dort sagt, das heißt Kopfnüssen — beigebracht, fangen sie an zu lerne» Beresi-hith im „Anfang", barah - hat gemacht, Elokim (ftatt Elohini wird aus Scheu, diesen Gottesnamen auszusprechen, so gesagt) „Gott" u. s. w. Mit dem ersten Buch Moses fangen . sie an und lernen, bis sie es auswendig können. Wenn der jüdische Knabe „Bar Mizweh“ wird, der Akt an ihm vollzogen wird, der etwa unserer Konfirmation entspricht, wenn er „dargestellt" wird in der Synagoge — dann können viele die Bibel auswendig. Es passiert dort 638 nicht, was mir neulich in einer Konfiriuandcnstunde begegnete. Ich wollte sehen, ob die Kinder recht fleißig in der Bibel lesen und sagte: „schlagt einmal den 151. Psalm auf." Da singen alle an die Bibel aufzuschlagen und dann erst merkten sie — den giebts ja gar nicht! So etwas kan» dort nicht Vorkommen. Das jüdische Volk ist dort sklavisch treu Idem Worte, das Gott zu Josua gesagt hat: „Laß das Buch dieses Gesetzes flicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es. Tag und Nacht." (Jos. 1, 8.) Wenn der Jude des Morgens erwacht ist und sich aufmacht uiw zu beten, so hüllt er sich in den . „Thalith" — den weißen Gebetsinantel. Dann schnallt er die Gebetsriemen um die Stirne, das sind die „Phylakterien", die „Denkzettel", von denen im Neuen Testament gesagt ist, daß die Pharisäer sie prahlerisch breit machten. Auf beit linken Arm, gegenüber dem Herzin, schnallen sie einen Gebetsriemen mit einem anderen kleinen Kästchen. In wese» Kapseln sind auf Pergament mit kaligraphischer Schönheit wichtige Schriftabschnilte ausgeschrieben. Insonderheit das: „Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einiger Gott, Du sollst ihn lieben von ganzem Herzen von ganzir Seele und von allen- Kräften." So gerüstet stellt sich der Jude hin und fängt an zu beten. Bei vielen kommt das Gebet aus der Tiefe des Herzens 4aber bei vielen ist es auch ein Plappern geworden. Ich habe es einmal mit eigenen Ohren angehört, daß ein chasidischer Jude auf einer Stelle stehend alle 150 Psalmen herbetete und das dauerte kaum länger als zwei Stunden. Daraus kann man ermessen, wie schnell das gehen mußte. Das Wort Gottes mit seinen von de» Rabbinen gegebenen Deutungen ist die das ganze Leben beherrschende Norm, es normiert alles, sogar die Stellung der Schüsseln und Teller der Frau in der Küche. Sie kann einen Löffel nicht hinlegen, wo sie will; denn wenn sie einen Löffel, an dem etwa Milch gewesen ist» auf die Seite legte, auf welcher Fleisch gewesen ist, so wäre das eine große Sünde, und die ganze Küche müßte von neuem „koscher" (rein) gemacht werden. Es ist in der Mischen Küche eine ganz scharfe Scheidung zwischen Milch ünd Fleisch, und nie wird ein Jude etwa, nachdem er Fleisch gegessen hat, Kaffee mit Milch trinken. In ähnlicher Weise normiert das Gesetz — und nicht etwa nur das Gesetz Gottes, sondern das von dein Dornernvall von 613 rabbinischen Geboten umhegte Gesetz das ganze Leben der Inden. Ueberall ist das Wort „Man darf ja nicht" — „Man darf ja nicht," der Schrecken des Gewissens. Das falbe Licht der Meudelssohn'schen Aufklärung, in dessen fahlen Mondlichtschein die deutschen, englischen und französische» Juden nun bereits 100 Jahre leben, dringt dort vielfach jetzt erst ein. Ei» solcher junger Manir, der anfängt, sich von den äußeren Gesetzen etwas frei zu machen, heißt „Epikores," dh. „Freigeist." Das Wort ist gebildet aus dem griechischen „Epikuräer,"