Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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13 dringt. Aber wer bürgt euch denn dafür, daß der Feind nicht mit einem Sprung in's Heiligtum stürzt? Werfet doch einen Blick auf die Geschichte Israels in diesem Jahrhundert. Was hat denn so viele, viele dem Judentum entfremdet? Das Aufbäumen gegen die Anfordernngen der Zeit, die Starrheit, die nicht bog, bis sie brach. Sehet euch doch um in eueren eigenen Familien. Ist es euch gelungen, euere fromme Gläubigkeit immer auf die Jugend zu verpflanzen? Gerade aus eueren Häusern tragen die Kinder vielfach Kälte und Gleichgiltigkeit gegen das Judentum davon, das sie oft mit einem Ruck vom Rücken schütteln. Was nutzt es euch, wenn ihr Augen und Ohren gegen die Erscheinungen der Gegenwart verschließet, wenn ihr euch ausbäumet in ohnmächtigem Wiederstand gegen den Geist der Zeit und euch in euer weltfremdes Gemüthsleben einpuppt? Es wird die Zeit kommen, daß dem Eingekerkerten das Gehäuse zu eng wird, dann bricht er durch und läßt es ganz als werthlose Schale liegen.' Mit all euerer gemüthsvollen'Romantik ruft ihr die alte Zeit nicht zurück. Die innere wie die äußere Läge des jüdischen Volkes ist heut eine solche, als lägen Jahrtausende zwischen heut und dem letzten Jahrhundert. Es fand ei» solcher Umschwung statt, eine solche Umwälzung der Verhältnisse, daß unzählige Gebote erst jetzt zu Erschwerungen geworden sind, die es früher nicht waren und auch bei ihrer Einführung nicht sein sollten. Und dennoch entweder oder? Und dennoch den Kopf in den Sand gesteckt vor deni Geist der neuen Zeit, wie der Wüstenstrauß, wenn ihn der Jäger verfolgt? — Aber seid ihr denn selbst nur euerem Grundsatz Iren geblieben? Ist euer Entweder Oder, mit welchem ihr anderen das Judentum abspreche» wollt, nicht eine Selbsttäuschung? O, ihr habt schon dem Leben nachgegebe», nachgeben müssen. Schaut doch einmal zu euerer Burg hinaus, an der nicht gerüttelt werden soll! Der Strom der Zeit hat schon die Vorbauten weggerissen, die Zäune sind vielfach weggeschwemmt, und selbst im Innern, wo die Wellen eiiigedruugen, mußtet ihr ändern und habt geändert. Ihr stehet allesammt nicht mehr anf^dem Standpuukt, auf dem ihr zu stehen glaubet- Soll ich euch Hunderte von Gesetzen aus dem Schulchan Aruch, dem jüdischen Gesetzescodex auszühlen, die ihr nicht mehr befolget, befolgen könnt? Wenn nur der ein Jude wäre, welcher den ganzen Schulchan Aruch hält, so fürchte ich, daß es nicht einen Inden in Deutschland giebt! Jener alte berühmte Rabbi, welcher nicht emancipiert sein wollte, weil er die Folgen voraussah, war weitblickender und conscquenter als ihr. Seht; der konnte mit Recht sagen; Entweder oder. Entweder in Ghetto oder in der Welt leben. Ihr aber täuschet euch selbst, ihr rufet immerzu: Wir stehen still und merkt nicht, daß ihr nicht stille stehet; der rollende Wagen der Zeit geht auch mit euch vorwärts, und ihr vermöäet nicht in die Speichen seiner Räder zu fallen und ihu anfzuhalten. Ihr kommt schon zu uus, und wenn ihr tausendmal durch euer Entweder Oder euch von nns abschließen wollt. Aber unterdessen, bis ihr den weiten Weg zu uus zurückgelegt, habt ihr mit euerer Entschiedenheit euren eigenen Kindern und Enkeln das Judentum verleidet, wenn nicht gar verhaßt gemacht. Die sagen daun auch entweder oder, aber in anderem Sinne als ihr. Ihr fraget euch vielleicht verwundert, warum ich gegen Windmühlen kämpfe. Ihr sehet euch verwundert um in dies, m Gottcshause, wo die denn stehen, die ich meine, ihr fühlt euch allesammt nicht getroffen, ihr seid euch gar nicht bewußt, so fromm zu sein. Meiiie ganze Predigt geht :uch nichts an? — O, sie geht euch doch, und