Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 feit festsetzten, zur Zeit der Gefahr sei das Gesetz ausgehoben. Oder wenn sie entweder oder gesagt hätten zur Zeit, als Israel den Wanderstab ergriff und seine lange Wanderung antrat, und alle Gesetze deren Befolgung vom Besitz des heiligen Landes abhängig war, hinfällig wurden, und von demkleinen Rest der Thora wieder ein großer Teil unausführbar geworden war. O, die ihr euch stützet und streifet a»f euer Entweder Oder: Glaubet ihr wirklich, daß euer Judentum das Judentum der Israeliten am Sinai gewesen sei? Das Jndentuiji hat bei seinem Durchgang durch die Geschichte immerwährend neue Formen und Gestaltungen angenommen, hat iininerwähreiid auf die Anforderungen der Zeit gehorcht, hat immerwährend den äußeren Verhältnissen und Erscheinungen Rechüung getragen und war bestrebt sie niit seinen eigenen religiösen Elemente» zu verschmelzen und sie durch das jüdische Gepräge, das es ihnen , gab, zu seinem Eigentum unizubildeii. Es ward von einem lebendigen Geiste getragen, der, so oft die Form zerstört ward, wie ein Phönix aus der Asche sich erhob, ja selbst oft die Form sprengte, wenn sie ihm zu eng geworden. Dieser Geist der Selbstverjüngung war lebendig in Israel und thätig, so lange man seine mächtigen Schwingen sich frei entfallen ließ, so lange mau ihm keine Schranken zog und rief: Bis hierher und nicht weiter. Aber da wurde der Talmud, der immer nur mündliches Gesetz sein sollte und nichts weiter als eben zeitgemäße Fortentwickelung der Moseslehre aber keine ewig bindende Vorschrift, da wurde der Talmud niedergeschrieben und abgeschlossen. Und! das lähmende geschriebene Wort legte dem Geist Fesseln an, er verlor seine Schwungkraft, seine Frische. Das Judentum verkörperte sich im Buchstaben, und es entstand unabweichbare Autorität. Nicht dem Talmud selbst sondern nur den Umstand, daß er abgeschlossen und niedergeschrieben wurde, und man dem einmal iiiedergeschriebenen Worte bindende Gesetzeskraft für alle Zeiten verlieh, verdanken wir die große Masse von hemmenden Erschwerungen. Da gerann der lebendige Strom der Fortentwickelung zur gefrorenen Masse, die sich drückend auf das religiöse Empfinden legte. Und jetzt, wo ein neuer Frühling für's Judentum gekommen, der die Fesseln des Eises löste, jetzt wo der Geist neu seine Schwingen regt und seine ursprüngliche Kraft wieder gefunden, jetzt, wo wir der Zeit und dem Leben wiedergegeben sind, jetzt kommt ihr mit den Gesetzesparagraphen in der Hand, um den frei gewordenen Geist zu fesseln, jetzt erklärt ihr die schriftliche Abfassung als den Abschluß des Judentums und sehet in ihr die unübersteigliche Mauer, an der sich jede Meinungsfreiheit bricht, jetzt kommt ihr mit dem unduldsamen Entweder Oder!- O, die ihr euch stützet und steifet ans euer Entweder Oder, ihr versündigt euch nichtnur. an der Vergangenheit des Judentums, auch an seiner Zukunft. Ihr fühlt euch glücklich und beseligt in euerer frommen Thätigkeit; aber warum wollt ihr mehr? Warum wollt ihr nur Euch gelten lassen? Ihr sehet doch, daß nicht alle, ja daß die Wenigsten euere Meinung teilen; und die sind alle keine Juden? O ihr seid nicht frei zu sprechen von dem Vorwurf einer frommen Selbstsucht. Ihr müßtet nachgeben um des Judentums willen. Aber nein, wenn ihr nur euch befriedigt fühlt, mag daraus werden, was da will; ihr laßt nicht mit euch handeln» ihr folget euerer lseberzengung mit Vielen, mit Wenigen, und wenn auch nur einer bliebe, und das ganze Judentum darob zu Grunde ginge. Aber nein! Wahrlich ich thue euch Unrecht! Ihr meinet, das Judentum könne eben nur durch Stillstand erhalten werden, ihr fürchtet, von Scholle zu Scholle verdrängt zu werden, bis endlich der Feind in das innerste Heiligtum