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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1892-01-01 · Heft 1 (1.1.1892) · p. Seite 11

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 1 (1.1.1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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I — 11 — uns überliefert/ als eine göttliche Offenbarung an, wie darf der Mensch fich dann unterstehen, datan zu rütteln, oder — oder man ist überhaupt kein Jude. Wie? Entweder oder? Und weiter giebt es nichts? Und mit diesem Ent» weder Oder bltecht ihr den Stab über alle, die nicht euren Fahnen folgen? Ihr allein habt die^ Weisheit in Erbpacht genommen? Ihr allein seid die Edle» und Frommen und Glaubenshelde», und die nicht sind wie ihr, sind keine Inden? Ist das die Stimme der Wahrheit? Ist das nicht lieblose Unduldsamkeit und Selbstüberschätzung? Alle Hochachtung, allen Respekt vor euch, wenn ihr nichts anderes wollt, als treu und ehrlich nach eurer gewissenhaften Ueberzeugnng leben. O, wir können euch verstehen, wenn ihr euch nicht losreiße» wöget von dem, was den Frieden eurer Seele, die Beschwichtigung eueres Gemüthes ausmacht! Jede Aenderung dringt euch ans Herz. O, wir fönneit euch sogar Bewunderung zollen, denn ihr verzichtet auf so manchen Lebensgenuß, legt euch viele viele Opfer auf! Aber ihr dürft nicht nach Merem Maße alle messen. Ihr dürft nicht das unduldsame Entweder Oder auf den Lippen führen, ihr dürft denen, die anders find als ihr, nicht das Judentum absprechen, ihr diirft nicht verurteilen, nicht verdamnren! Entweder oder, saget ihr. Aber laßt uns doch einmal euer Entweder Oder näher betrachten. Entweder mahn erkennt das Judentum als eine göttliche Offenbarung an, oder man ist überhaupt kein Jude. Wohl, das Judentum ist göttlich, aber es ist doch den Menschen überliefert. Und ist nicht das Schicksal eines jeden überlieferten Gedankens mgleich von dem abhängig, der ihn denken soll? Haben denn damals, als Moses, als die Propheten ihre Reden gehalten, alle Zuhörer den gleichen Sinn mit ihren Worten verbunden, verbinden können, oder verbinde« ihn nur heute damit alle Leser? Giebt es nicht tausend und abertausend Erklärungen und Kommentare? Enstehen nicht durch die gehörten oder gelesenen Worte bei Jedem Gedanken und Empfindungen, je nach dem Maße der Jedem eigentifinlichen Erkenntniß und Verstandeskraft und Herzenswärme? Oder meint ihr etwa, daß dem Moses alle Gebote sammt ihren Erklärungen und Erschwerungen, die ganze Mischna und der ganze Talmud und sämmtliche Gesetzesfolianten übergeben worden seien? Wie erklärt ihr dann die tausendfachen Meinungsverschiedenheiten, dis sich im Talmud überall ausgesprochen finden? Der Eine erlaubt, was der Ändere verbietet, der Eine hebt auf, was der Andere festsetzt, uud trotz des Grundsatzes, daß die Majorität entscheide, heißt es von den wiepersprechendsten Ansichte», beide sind Offenbarungen des lebendigen Gottes, beides sind wahr und göttlich! Entweder oder, saget ihr. Aber was meint ihr, wenn sie zur Zeit des Rabbi Jochuiann ben Sakkai auch gesagt hätte»: Entweder oder? Wißt ihr, daß was man unsere heutige Reform nennt, mir ein Kinderspiel ist gegen den Ernst der damaliges Umwälzung? Der Tempel in Zion war das Herz der jüdischen Nation; von! ihm ging der Strom des ganzen religiösen Lebens aus, und alle religiösen Strömungen liefe» in ihn ei»; da ward das Judentum tödtlich ins Herz getroffen: Ä>er Tempel eine öde Trttmmerstätte, kein Priester, kein Altar, kein Opfer, mehr S als zwei Drittel der Thora unausführbar geworden! Wenn sie damals auch entweder oder gesagt hätten? Entweder die ganze Thora oder gar keine? Dann gäbe es heute kein Judentum mehr- Oder! wenn sie später gesagt! hätten entweder oder, zur Zeit des Kaisers Hadrian, als auf Befolgung des jüdischen Gesetzes der Tod stand, und die Äei»

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