Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Eine sprach: „Der Strom schaue», wird er unsere friedliche Burg »och zerstöre». Und wen» sie auch auf granitnein Felsen ruht, was ihre Stelle setzen," Da ritf selbst frevelnd die Hand an hat eine furchbare Gewalt; wenn wir nnthätig zn- »ntzt das, da der Strom durch alle Risse dringt? Die Risse müssen wir vcrmäuern, die geborstenen Quader entfernen und neue an der zweite-der Brüder: „Nimmermehr; wir sollten die stolze Burg unserer Väter legen und Steine ausreißen! Wir sollten zerstören, was sie geschaffen! Mag kommen, was da will, der Gott uuferer Väter witd schon helfen; aber geändert darf nichts werden an der Väter Burg, wo sich's so traulich und gemüthlich wohnt." „Du hast Recht", sprach der dritte Bruder, „geändert darf nichts werde». Aber mir selbst ist es doch nicht recht geheuer; ich mag in dieser alten Burg nicht wohnen bleiben. Der Strom ist doch so nahe und zu mächtig. Wen» Dil wohnen bleiben willst, ich thu' Dir's nicht nach, ich ziehe ans; aber geändert, da hast du ganz recht, geändert darf nichts werden." .So sprachen die drei Brüder und stritten miteinander. Doch, was sag' ich, sie stritten? Sie streiten heute noch; denn es ist keine Geschichte aus fernem Lande und ferner Zeit, die jich euch erzählt, die innere Lage des Judentnms habe ich euch geschildert.! Abseits von dem Stromgebiet des Lebens lag das Judentum. Seine friedliche Burg war der Vmer Glaube, ruhend auf dem granitnen Felsen der Moseslehre. Dortstebte es viele Jahrhunderte, fern von des Lebens verwirrenden Kreisen, eingespoune» in sein eigenartiges Geistesleben, in seine beseligende Gedas letzte Jahrhundert einen gewaltigen Sturmwind; ein neues Bett, und um die friedliche Stille des Ju- Der Geist einer neuen Zeit umbrauste seinen alten die Fluth und drang zerstörend in das Innere ein. Stein um Stein bröckelte hie gefräßige Welle los, und immer mehr der alten festgefügten Gebräuche, Satzungen und Gebote des Judentums wurden hinweggeschwemmt vom. Zeitenstrom. müthswelt. Da entfesselte der trieb den Zeitstrom in dentums war es geschehen. Bau; immer hoher! schwoll Da saßen die drei Brüder und beriethe». Das sind die drei gegenwärtig, in unserer Mitte hedeutensten Parteien innerhalb des Judentums. Die eine sprach: Wir müssen das bedrohte Haus retten; ist es nicht zu retten so wie es steht, so müsstn wir ihm eine solche Gestalt geben, daß es dem Zeiteiisturm trotze. Gebieterisch macht das Leben seine Forderungen geltend, die Zeit will ihr Recht habe»! Da wir nicht außerhalb der Zeit leben können, müssen wir in der Zeit leben. Wir müssen das Kleinliche opfern, um das Große zu retten, müssen aufgeben, um nicht aufgegeben zu werden, müssen Altes und Neues, Glauben und Leben, Zeit und Judentum versöhnen. Wir wollen vermitteln zwischen den feindlichen Mächten, auf Zeitbedürfnisse eingehen, ohne unsere Eigenthümlichkeit aufzngeben, die Formen des Jndentunis vergeistigen und veredeln, unnütze Hüllen abstreifen, damit der Geist des Jndentunis um so herrlicher, hervorbreche. Aber die zweite Partei sprach: Nimmermehr! Wir sollten selbst frevelnd die Hand an den heiligen Glaube» unserer Väter legen und abschaffen, was sie geschaffen? Mag kommen was wolle, der Gott, der uns erhalte» und,bewahrt bis hierher, wird uns auch ferner erhalten. Das Gesetz des Judentums ist um aiitastbar; jeder eigenmächtige Eingriff ist Abfall, ist Verleugnung des Heiligste». Da giebt es keinen Ausgleich, kein Vermitteln, kein Hüpfen auf zwei Zweigen: Entweder oder! Entweder man erkennt das Judentum, sowie es unsere Väter