Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 zu den Ketzern zu zählen. Es gab zu dieser Zeit in der That eine Schule von jüdischen Theologen, die die Schriftstellen und Haggadas, in welchen von Gott» wie von einem me»schlichen Wesen gesprochen wird, wörtlich nahmen, die überhaupt für die Erkenntnis des Geistigen sinnliche Vorstellungen als unentbehrlich erachteten und sich in die unfaßbaren Abstraktionen, die jetzt den Inhalt des Glaubens bilde» sollte», nicht hineiiifindeii konnten. Es war ja auch nicht abzusehen, wo die symbolische und rationalistische Auslegung des Schriftwortes und der talmudische Aussprüchen, wie sie seit Maimonides vorherrschend geworden war, ihre Grenze findxn sollte. Es entbrannte nun hinsichtlich wichtiger Glaubenssätze ein Kampf zwischen Maimonisten und Antimaimonisten, der weite Dimensionen annahm, die Judenheit Spaniens und Frankreichs in zwei Lager spaltete und auf! beiden Seiten mit außerordentlicher Heftigkeit geführt wurde- Zn einem förmlichen Friedensschlüsse ist es freilich nicht gekommen und ebenso auch nicht zu ein^r Trennung in zivei Secten aber dennoch hat eine Scheidung der Geister sich vollzogen, bereu Spuren »och längst nicht überwunden sind. Die Gegner des Aristotelismus schufen sich in der an Elemente der älteren Mystik änluüpfenl>i'n Kabbala eine Theologie, in welcher zwar die Geistigkeit des göttlichen Wesens und die Erhabenheit desselben über die sichtliche Natur auf das entschiedenste betont, aber auch Emanationen und Potenzen der Gottheit angenommen waren, welche die Organe derselben bilden und das Wirken derselben in der Leitung der Statur und der Menschheit vermitteln. Das System des Maimonides gelangte indes in den weitesten Kreisen der Judenheit um so mehr zur Anerkennung, als er selbst aus seiner Theorie keinerlei praktische Consequenzen gezogen, ja vielmehr in seinem Hauptwerke ein Lehrgebäude des jüdischen Religionsgesetzes ausgestellt hatte, und kein Haarbreit von den strengen Auforderungen des Talmuds vergeben wird. Allmählig ist es dahin gekommen, daß diese Verschiedenheit der Richtungen nicht inehr merklich wurde und unter den aus Spanien vertriebenen Juden, die in der Türkei und in Holland sich ansiedelten ist bereits der Allsgleich so weit vollzogen, daß sie in der religionsgesetzlichen Praxis, in der Regelung ihres Cultus und Ritus, Maimonides als ihren Führer ansehen, dagegen seine Philosophie in die Ecke werfen und in ihrer theoretischen Theologie ganz dem kabbalistischen Systeme huldigen, Zerwürfnisse bliebe» auch in diesem Bunde nicht aus. Der Talmudgelehrte, der eigentlich mehr Jurist als Theologe war, Processe zu schlichten, in Rechtsstreitigkeiten zu entscheiden, Angelegenheiten des täglichen Lebens zu ordnen hatte und wie ein tüchtiger Advocat auf gründliche Beweisführung und scharfsinnige Auslegung der rabbinischeu Rechtsgesetze sich verstehen mußte, sah alle Religionsphilosopie, Mystik und Schriftgelehrsamkeit nur als Beiwerk an, davon nur so nebenher Kenntnis zu nehmen ist. Dem Kabbalisten, der die Religion in ihrer inneren Wurzel erfaßte, nach der Anschauung der Gottheit strebte, in allem irdischen Thun den Hauch des Himmels einathmen wollte, war das talmudische Judentum trotz der zahllosen rituellen Werkübungen, die es seinen Getreuen auferlegt, noch viel zil weltlich, zu geistlos. Für ihn mußte diese religiöse Kost, wenn er sie schmackhaft finden sollte, mit dem Labsal höherer Gedanken verinischt werden, die trockene Ceremonie für ihn mit dem Strome der Gottseligkeit durchtränkt sei», wenn sie für ihn die Bedeutung haben sollte, die ihr beigelegt wurde. Die Kabbala drängle auf die Verinnerlichung des religiöse» Lebens hin, durch die Codificationen des Talmuds ist dasselbe mehr in die Aeußerlichkeit verlegt worden, dieser Gegensatz mußte einmal hervortreten und als eine Frucht desselben haben wir die im sieb-