Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969947-2969949--3415-2976803- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5 Willen oder ihre Ansicht aussprach, immer Recht hatte, so nickte er dann nur mit dem Kopfe, und die Sache war abgethan. Da fiel eines Tages wider Erwarten ein Funke in das Pulverfaß. Die Hühner des Nachbars Uniroffko kamen regelmäßig herüber, in den Garten Mendels und wenn niemand da war, bis an das Haus, und pickten hier die an« Spalier reifenden Trauben, den Stolz Baruschka's, in unverschämter Weise ab. Endlich erwischte sie Baruschka eininal auf frischer That und warf in der Wuth, Alles, was ihr in die Hände fiel nach den kreischenden und davonflatternden Hühnern Ja, sie verfolgte dieselben bis an den Zaun des Nachbars, und als dieser plötzlich jenseits desselben erschien, und. sich seiner verfolgten Hühner annahm, überschüttete ihn Baruschka mit einer Fluth von Schmeicheleien, die den biederen Grundbesitzer zu einem langsanien geordiieten Rückzug veranlaßten. Als Mendel aus den« Hause trat und sie so dastehen sah, die Arme in die Hüften gestemmt mit blitzenden Augen wie einen schönen Satan, begann er laut zu lachen. „Weibchen! Weibchen!" rief er, „ärgere Dich nicht, es steht doch nicht dafür um der paar Beeren willen." „Willst Du mirS's etwa verbieten?" erwiderte Baruschka und blitzte Mendel mit ihren dunklen Augen an. „Im Gegentheil," erwiderte dieser ruhig, „warum sollte ich's Dir verbieten, bist Du doch am reizendsten wenn Du böS bist." Baruschka kam mit raschen Schritten auf ihn zu und stand jetzt vor ihm, die Hände in den Aerineln ihrer Pelzjacke verborgen, die Augen halbgeschlossen, gleich einer lauernden Katze. „Willst Du mich foppen?" fragte sie. Statt zu antworten, nahm Mendel sie um den schlanken Leib und küßte sie. ri- „Laß mich los," befahl Baruschka, und da Mendel sie immer wieder küßte, bald auf den weißen Hals, um den sich die goldrothen Haarschlingen so reizvoll ringelten, bald auf die vor Zorn gerötheten Wangen, schlug sie' ihn blitzschnell mit der kleinen Hand auf den Mund. Aber statt sich zu ärgern, lachte Mendel und zog sie mit sich fort in die große Stube und hier begann er mit ihr umherzutanzen und tanzte, bis sie den Athem verlor, sich loS machte und lachend in den großen Lehnstnhl warf. Nun lachten Beide um die Wette, und Baruschka war kuriert für immer. Wenn sie jetzt böse wurde — nicht mit ihm, aber über andere Menschen oder Dinge, da lachte Mendel Naphtali nur und küßte sie und begann mit ihr zu tanzen, und im nächsten Augenblick war der Zorn verraucht. Die Leute staunten, Aron Merores staunte, Gabirol staunte und schließlich staunte Baruschka selbst. „Wie gut wir unS vertragen," sagte sie eines Abends zu ihrem Mann. Ich dachte, ich wäre ein solcher Satan daß es niemand mit mir auShalten könnte! Bin ich denn am Ende gar nicht so böS, als die Leute meinen? „Und wenn Du es wärst," erwiderte Mendel, „ich würde Dich brumm nicht weniger lieben. Rabbi Chia hatte ein böses Weib, das immer das Gegentheil von dem that, waS er wünschte. Dennoch ehrte er sie und brachte ihr Alle- Schöne, was er sah und fand, mit nach Hause. Als man ihn eines Tages fragte, ob sie es auch verdiene, sagte Rabbi Chia: „Sie hat mir Kinder gegeben» ist danicht genug?