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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1890-12-01 · Heft 12 (1.12.1890) · p. Seite 276

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 12 (1.12.1890)
Date
1890-12-01
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
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276 Der stoffliche Mensch hat nur stoffliche, leibliche Bedürfnisse und Bestrebungen; sein sogenanntes c eistiges Sinnen und Denken dient auch nur diesen. Mit dem Materialismus verbindet sich der Atheismus, und dieser ist die Wurzel des Egoit mus, bei welchem Idealität und Moralität nicht aufkommen. Denn die eigenen LedüHsiffe stehen dem egoistischen Menschen, wie dem Thiere, vorne an. Wer lindert ihn, sie zu befriedigen, nöthigenfalls mit Gewalt? Ohne Gott ist der Mensch sein eigener Gesetzgeber und Richter. Wer versagt sich da ein auch sündhaftes Gelüste, oder wer verurtheilt sich darüber? Denken und Streben des Menschen an sich sind materialistisch und egoistisch. Wenn Materialisten nicht der Idealität und Moralität erniangelu, so verdanken sie dies den allgemeinen Errungenschaften der Menschen, wie der eigenen Bildung und Erziehung. Sie zehren von der geistigen und sittlichen Erbschaft der Vorzeit, oder sie stehen unter der Zucht des staatlichen Zwangs und des socialen Auslands- Denn auch die öffentliche Meinung und eigenes Ehrgefühl sind gewaltige Mächte idealer Bestrebung und sittlicher Haltung; aber diese Mächte haben ihre erste Entstehung und eigentliche Kraft doch nur in Gott, Religion und Unsterblichkeit. Geistige Bildung und sittliche Erziehung mache» demnach das Wesen inenschlichen Denkens und Strebens aus. Die Menschheit hat die höchste Stufe noch nicht erreiche aber sie ist dem Ziele bereits näher. Auf die Hoffnung, es zu erreichen, zielen die Weissagungen dereinstiger Auferstehung und Wiedergeburt. Auch Lessing spricht den Gedanken und den Glauben daran aus. Denn er bekämpfte die Zweifel. Er sagt, die Menschheit im Ganzeii kann die Stufe der Vollkonnnenheit pur erreichen, wenn sie jedem Einzelnen eigen ist, weil im Ganzen nicht sein nicht vollkommen Dieselbe will uni kann, was nicht im Einzelnen ist; die ganze Menschheit kann sein, wenn nicht der Einzelne es ist. Diese Prämisse ist richtig, kann hier aber nur sagen, daß die ganze Menschheit wie jeder Einzelne das Bewußtsein von den Erfordernissen und Errungnissen der höchsten Vollkommenheit der Idee nach haben, aber an der Verwirklichung derselben hindern die leiblichen und geistigen Schwäche». Wenn der Mensch mit leiblicher Gestalt wiedergeboren würde, so stände er doch nicht sofort auf der Stufe, die er vorher verlassen hat, um von da aus weiter zu klimmen. Der Wiedergeborene nlüßte eben wieder von vorne anfangen und alle Bildung und Bersittlichung sich wieder neu erringen. So kämen wir nicht weiter. Nur die Menschheit im Ganzen schreitet hier auf Erden fort, weil der Nachfolger sich auf die Schultern des Vormannes stellt, die Gegenwart sich auf die Errungnisse der Vergangenheit stützt, um eine neue, bessere Zukunft zu erreichen. Die Propheten reden daruin von der Schöpfung einer neuen Welt, eingedenk des biblischen Worts: der Erdtnmensch ist schwaches Fleisch; das Denken seines Herzens ist böse von Ingen« auf. Die Meinung Lessiugs, zuerst die Vervollkommnung in Rücksicht auf leibliche, zeitliche Strafen und Belohnungen zu erstreben, und dann ausschließlich in Aussicht auf geistige, ewige, setzt aber auch eine andere Welt, einen geistigen Menschen voraus. Die Idee der Wiedergeburt ist demnach trotz aller Anzweiflung eine wahre; sie ist auf das geistige Wesen und die sittliche Bestimmung , des Menschen gegründet. Wer dieses Wesen uitb diese Bestimmung des Menschen nicht leugnet, muß auch die Idee der Wiedergeburt anerkennen, daran glauben. Untergehen kann der Geist ^icht, und erreicht muß das Ziel seiner Bestimmung werden; Gott hat das Streben danach in den Menschen gelegt, und der Mensch strebt danach. Er erreicht indes die Vollkommenheit, welche ihm vorgezeichnet ist und

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