Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1890)
- Date
- 1890-11-01
- Page
- Seite 258 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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258 Nicht allein bei der Entlohnung und dem Dienstverhältnisse sondern auch sonst im Leben erfuhren die Arbeiter die größtmögliche Rücksicht. Sie wurde» bei ihrer Arbeit von jedem Vorübergehenden gegrüßt mit den Worten: „Der Segen Gottes komme über euch," und sie erwiederten: „Wir grüßen euch im Namen Gottes " Während der Arbeit wurden die Arbeiter von der Verpflichtung befreit, vor dem vorübergehenden Gelehrten sich von dem Sitze zu erheben, wiewohl jeder ausnahmslos dieses Zeichen der Ehrerbietung dem Gelehrten zu geben hatte. Nur den ankommenden Wallfahrern, den Festgästen durften sie diese Ehrenbezeugung »ich! vorenthalten, damit nicht die Festgäste, durch eineil kalten Empfang gekränkt, es unterlasse», nach Jerusalem zu kommen?) Auch bei Verrichtung ihrer religiösen Andacht wurden ihnen mancherlei Erleichterungen gewährt, sie brauchten bei manchen Gebeten ihren Standpunkt, ob es nun der Wipfel eines Baumes oder eine hohe Mauer >var, nicht zu verlassen, und durften unter Umstände» Kürzungen sich! bedienen?) Die Achtung und Wertschätzung, deren sich die Arbeiter im jüdischen Volke erfreuten, hatten zur Folge, daß die besten Geister und die würdigsten Vertreter des Volkes es nicht scheuten, der Arbeit sich znzuwenden. Wer sollte es sich nicht zur Ehre anrechnen, ein Arbeiter zu sein, >venn Gott selbst die erste Stelle unter den Arbeitern einnimmt, wenn Gott selbst der erste Arbeiter genairnt sein will. Er führt sich bei den Menschen ein: „Im Anfang schuf Gott." Wenn Gott dem ersten Menschen zeigen will, daß selbst das Paradies ohne Arbeit nicht denkbar, geht er mit dem guter Beispiele voraus und pflanzt zuerst beu Garten, den er zur Bearbeitung dem Menschen ubergiebt?) Es gibt kaum eine Beschäftigung, wie die Alten meinen,! die weniger geachtet als die des Hirten, welcher den ganzen Tag mit Stock und Sack einhergeht, und dennoch läßt sich Gott von Jakob und David Hirte nennen?) We ichen Eindruck muß es auf ein Volk machen, wenn ihm immer und immer wieder gesagt wird, daß seine besten und größten Männer, die Patriarchen Abraham, Jftlk und Jakob, . alle Propheten, ja sogar Moses und selbst Könige wie Saul und David Arbeiter waren-')! Und klingt es auch wie iagenhaft, so ist es beglaubigtegeschichtliche Thatsache, unläugbare Wahrheit, daß die Männer, die wir unsere Weisen nennen, die mehr als ein halbes Jahrtausend den wunderbaren geistigeil Unterbau unseres unvergleichlichen Religionsgebäudes mit bewunderungswürdiger Weisheit aufgeführt haben, daß diese Männer, die sich mit Vorliebe die Barleute oder nach modernem Anklange „Maurer" nannten, wirklich nur von schwerer Arbeit und vom Handwerk ihren mehr als bescheidenen Lebensunterhalt fanden. Nur einige bekanntere Namen von ihnen wollen wir nennen. Der berühmte Scsamäi, ein Zeitgenosse des'Herodes, Vorsteher einer Schule und 2. Präsident des Synhedrions, war ein Maurer?) R. Josua, welcher wegen seines Geistreichtums berühmt und eine bei dem römischen Kaiserhofe beliebte und oft und gern gesehene Persönlichkeit war und mit der Kaiserstochter gelehrte Unterhaltungen führte, lvar ein Kohlenbrenner oder ein Nadler?) R. Meir war ein Schreiber und hätte füi° sei» Fach und für die ganze schreibende Menschheit eine wichtige Entdeckung gemacht, er setzte Eisenvitriol der Tinte zu, wodurch sie eine dauernde Schwärze erhielt?) (Schluß folgt.) *) Äiddpsch. 33; -> Berach. 10; ») Abotl, d. R. N. c. 11; Lev. rab. 25. 4) Jalkut Tilich c. 23; Midr. qedolah; ,J) Labbath 31; '•) Berach 28; ") Midr. Kohel. z. c. 2, 18; Ergb. 13a.