Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1890)
- Date
- 1890-11-01
- Page
- Seite 257 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969933-2969945--3067-2976754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
257 erwiderte der Herr. So gib mir ein Stückchen Feld, oder etwas Vieh, vielleicht irgend welches Hausgeräthe, was immer es auch sei, damit ich nicht mit leeren Händen abziehe. Leider besitze ich ganz und gar nichs, bedauerte der Herr. Da empfahl sich der Arbeiter ganz niedergeschlagen und trat die Heimreise an. Als die Feiertage verstrichen waren, hielt mit einemmale der eheinalige Herr vor dem Hause seines Arbeiters mit drei reich beladenen Eseln und brachte ihm seine» vollen Lohn nebst reichen Geschenke». Der Arbeiter war überaus glückselig und freudig erregt. Nnil sage mir doch, fragte der Herr, wessen verdächdigtest du mich, als ich dir erklärte ich hätte kein Geld? Ich hielt dich, .sprach der Arbeiter, durchaus keiner unehrenhafte» Handlung fähig; ich dachte, du hättest vielleicht bei einem billigen Gelegenheitskauf dein ganzes Baargeld verausgabt. Und was mar deine Meinung, als ich Vieh, Feld und Hausrat verweigerte? Das Vieh konntest du verdungen, das Feld verpachtet, die Früchte »och nicht verzehntet oder endlich deinen gaiizen Besitz Gott gelobt und geheiligt haben, sprach der Arbeiter. Bei Gott! so war es auch, rief der Herr, wegen meines Sohnes, der sich dem Studium der Thora gegen nieine» Willen widmen wollte, und den ich deshalb zu enterben beabsichtigte, heiligte ich mein ganzes Vermögen Gott. Die Weisen aber lösten das Gelöbnis als ungiftig auf, nur so kann ich dir jetzt meine Schuld bezahlen. Wie du aber nur des Besten mich fähig hieltest, so möge auch Gott alle deine Thaten nach der besten Seite beurteilen?) Welche weitgehende Billigkeit man dem Arbeiter gegenüber walten ließ, beweist folgende Thatsache. Einst zerbrachen zwei Träger dem Rabba bar Chanan ein Faß mit Wein, wofür er ihnen ein Kleid abnahm. Sie klagten bei Rab, und dieser entschied, daß ihnen die gepfändeten Kleider zurückgegeben werden. Ist das so Gesetz? fragte Rabba. Gewiß, erwiderte Rab, damit du den Weg der Billigkeit wandelst. Rabba erstattete ihnen nun die Kleider zurück. Hierauf baten die Träger, sie seien arm, sie hätten nun den ganzen Tag gearbeitet und müssen des Abends hungern, ivenn sie für die Arbeit keine Entlohnung erhielten. Rab bedeutete dem Rabba, ihnen den Arbeitslohn ausznzahlen. Ist das Recht? fragte erstaunt Rabba. Gewiß, sprach Rabba, damit dn die Wege der Güte gehest.-) Einen weitern Beleg, mit welcher Genauigkeit und Sorgfalt man das Recht des Arbeiters wahrte, bildet folgender Bericht: Vierhundert Faß Wein wurden R. Huna zu Essig; er kränkte sich sehr ob dieses großen Verlustes. Seine Freunde besuchten ihn, um ihn zu trösten. Gesprächsweise suchten sie seine Aufmerksamkeit auf seine Handlungen zu lenken, damit er darin durch Selbstprttfung einen Grund seines Unglückes entdecke. Doch er meinte, daß er sich keinen Vorwurf machen könne. Die versammelten Gelehrten wiesen aber darauf hin, daß er seinem Weinbauer, welcher nach damaliger Gepflogenheit den Weinberg gegen Abgabe eines Prozentsatzes vom Ertrage bearbeitete, den ihm zilkomnienden Holzteil von den abgeschnittencn Ranken vorenthalten habe. Glaubt ihr nicht, sprach R. Huna, daß dieser Weinbauer mir noch viel mehr als ihm zukommt vom Holz und sogar voni Weine stiehlt? Mag sein, erwiderten sie, doch das entschuldigt dich nicht, wenn du auch wissentlich an dem Arbeiter einen Diebstahl begehest. Sie ließen nicht von ihm ab, bis er ihnen versprach, dem Arbeiter von allem und jedem den gebärenden Anteil zu geben?) ') Sabb. 127, b. *) Bab mez. 83. Berach 5, 22