Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1890-10-01 · Heft 10 (1.10.1890) · p. Seite 220

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 10 (1.10.1890)
Date
1890-10-01
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969933-2969944--3027-2976713
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

auf in unverwüstlicher Frische und Hoheit. Und was war das für ein Leben, in dem es so herrlich emporwuchs?Es warein Leben des Geistes! Forschen in der Lehre des Herrn, Suchen nach Weisheit und Gotteserkenntnis, Streben nach innerer Bervollko Innung, Uebung der Tugend und Gerechtigkeit, das war seines Herzens Lust unl> Wonne und seines Daseins höchste Freude und Beglückung. Was wollten ihr» alle Schätze der Erde bedeuten gegenüber diesen den herrlichen Geistesschätzen, i« deren Besitz es sich über alles Ungemach der Zeiten sich erhoben fühlte? Was war ihm menschliche Gunst und Ehre im Vergleiche zu jener inneren Wi rde Und Ehre, die nur der Mensch allein sich geben, die aber dann auch niemand ihm rauben und wegnehmen kann? Was waren Leid und Elend was konnte selbst der Tod ihm anhaben, so es an seiner Lehre festhielt, di: ihm die Quelle alles Heils, die ihm ein Stamm des ewigen Lebens war? Akba jubelt in der schmerzensvollen Todesstunde, er fühlt keinen Schmerz, er kennt keinen Tod, es ist ihm die Beseligung vergönnt, sterbend den Namen des Einer Gottes zu bekennen und ein Paradies des Lichtes steht vor ihm offen, wählend diese Erde vor ihm in Nacht und Finsterniß versinkt. Kennst du den Schild, durch den alle Pfeile des Hasses nicht hindurchdringen, der dich schützt u rd schirmt vor aller Not des Lebens? ruft Elieser Ben Jakob aus. Das stete Suchen und Verlangen nach Gott, die immerwährende Umkehr von den Wegen >er Sünde und Niedrigkeit, die, Reinheit und Heiligkeit der Gesinnung, die Liebe zu den guten Thaten und der Eifer in der Vollführung derselben, das ist lies Herzens Schild und Panzer mitten in dem wirren Lebenskämpfe. Mögen Elend und Not dich von außenher noch so sehr bedrücken, deine innnere Hoheit und Seligkeit wird dadurch nicht getrübt und erniedrigt werden. Verlange nicht nach Ruhm und Macht, jage nicht nach Gunst und Ehre, dein Wissen sei deine Macht und die edle That, zu der die Weisheit und Erkenntniß dich leiten, sei ixine Ehre! Strebe nicht danach, mit Königen an einem Tische zu sitzen, denn sie Weisheit bereitet dir eine größere Tafel nnd die Gotteserkenntnis schmückt dich mit einer schöneren Krone und der Lohn deines Wirkens bleibt nicht aus, denn du stehst im Dienste Gottes, der die Seinen nie verläßt! Kann ein Volk, das den Wert des Geistes so hoch stellt, eine solch' erhabene Anschauung, eine solche Würde und Festigkeit der Gesinnung sich bewahrt, etwa verkommen oder untergehen? Und für Israel waren diese Lehren, die seine Weisen ihm verkündeten, n i ch t etwa nur schöne Worte, die von Mund zu Munde giengen und gerne c ehört und vernommen wurden, nein! auch sein Herz stand ihnen offen und noch mehr, sein Leben war nur der vollen Bewahrung und vollen Bethätigung der elben geweiht. Urteilen wir über die großen Geislesschöpfungen, die als Denkmäler jener Zeit sich erhalten haben nicht so voreilig ab, über die Schriften des T rlmüd und des Midrasch, in welchen die Gedankenarbeit einer Reihe von Geschlechtern,- die geistige Ernte eines halben Jahrtausends vor uns aufgespeichert liegt. Wenn wir nur das Eine aus ihnen lernen, daß das Menschenleben nur a s Geistesleben und in seiner vollen Beziehung auf das Ewige und Göttliche zu seiner eigentlichen höheren Bedeutung gelangt — und das ist der offenbare Zweck und Inhalt aller der Weisheit, die in ihnen niedergelegt ist — so verdienen sie schon um dessen willen allein von uns gekannt und gewürdigt zu werden. Do h indem sie als die Zeugnisse einer Zeit vor uns dastehen, in der Israel es irimer mehr bewiesen hat, daß die Anhänglichkeit an seine Lehre es vor Verfall und Verkümmerung bewahre, verkünden sie uns die tröstliche Gewißheit, daß unser Heil in dem stets sich verjüngenden Geistesleben festbegründet

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.