Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1890)
- Date
- 1890-10-01
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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219 der düsteren Vergänglichkeit in eine Welt lichter Ewigkeit uns hinüberführt. Darum schrecket vor dem Ausblicke in die Zukunft nicht zurück, „fraget und suchet", laßt euer ganzes Leben ein Suchen nach dem göttlichen Lichte, dessen Abglanz euere Seele erfüllt, laßt es ein stetes Verlangen nach Gotteserkenntniß und Geisteserhebung sein und ihr werdet euch dem Ewigen stets verwandt und nahe fühlen, und den Leiden des Lebens mit den Schrecknissen des Todes furchtlos ins Auge sehen! Wie wir aber Gott suchen, wie wir uns ihm annähern und so unserem geistigen Berufe und unserer höheren Bestimmung Nachkommen? Nicht anders als dadurch, daß wir seine Wege aufsuchen, in seinem Lichte dahinwandeln, von seiner Lehre, die auf die Pfade des Heils uns führt, in unserem Wollen und Wirken uns leiten lassen. Das ist freilich eine Forderung, die zu unseren gewohnten Neigungen und Bestrebungen in entschiedenstem Widerspruch steht, eine Forderung, deren Maßstab wir an unsere Thaten gar nicht anzulegen wagen, weil, wenn überhaupt noch ein Rest sittlichen Schamgefühls in uns vorhanden wäre, wir dann vor uns selbst oft erröten müßten. Aber um so nachdrücklicher tritt diese Forderung an uns heran, und wollen wir auf sie nicht hören, wollen wir mit ihrer Erfüllung nicht Ernst machen, dann ist unser Erscheinen vor Gott, und wenn wir Tag für Tag in seinem Hause weilten, ein Hohn auf seine Gnade, ein Frevel in seinem Heiligtume, da vor dem Ewigen, der unsere Herzen und Geister prüft, kein Scheinwesen'gilt, kein Suchen nach Ausflüchten, die die Sünde beschönigen und rechtfertigen sollen, kein zwiespältiges, haltloses Schwanken, bei dem wir uns bald nach rechts, bald nach links wenden, da zu allem Verwerflichen die Hand bieten und dort wiederum auch der Förderung besserer Bestrebungen nicht ferne stehen mögen. Da heißt es: Zurückkehren zu Gott und den Weg der Sünde völlig verlassen, der Verkehrtheit und Verblendung gänzlich entsagen und wieder heimisch werden auf dem heiligen Boden der Wahrheit und Gerechtigkeit! Der höhere Menschengeist, der nach Gott sucht und alle Wege uns meiden lehrt, dfe von dem Ewigen uns entfernen, dieser Geist, der den Ungeist der Lüge 'und des Frevels nicht neben sich duldet, muß in unseren Herzen wieder lebendig werden und Licht ausftreuen auf alle Gefilde unseres Lebens, daß aus ihm verheißungsvolle Heilessaat für die Zukunft ersprieße. Und was ist es denn anders als dieser Geist des Lichtes, der Weisheit und Gotteserkenntnis, dem Israel seinen Bestand und sein Dasein zu verdanken hat, den unsere Väter mit aller Treue des Herzens gehütet haben als die kostbarste Erbschaft ihrer Vergangenheit und als das sicherste Unterpfand ihrer Zukunft? Er war ihnen die Feuersäule der Hoffnung, die ihnen in der langen Nacht ihrer Leidenszeit vorangeleuchtet und auf dornenvollem Pfade ihnen das herrliche Ziel der unausbleiblichen Erlösung gezeigt hat; er war ihnen in der tiefen Bekümmerniß ihres Herzen der unversiegbare Trostesquell, aus dem die Kraft stets erneuter I Verjüngung ihnen zugefloffen ist und aus dem sie den erfrischenden Trank der Göttlichkeit geschöpft haben, der die dürstenden Gemüter erquickte und sie mit einem Sttome himmlischer Beseligung erfüllte; er war der Fels, auf dem sic gestanden auf dem die feste Burg ihres lebendigen Gottesvertrauens sich aufgerichtet, und da Schutz und Zuflucht gefunden haben, vor den Stürmen der Verfolgung, die von allen Seiten sie umbrausten. Aus seinem Lande vertrieben, aus feiner Heimat verstoßen, in alle Weltgegenden hinausgestreut, wie ein Wurm in den Staub getreten, lebte Israel noch fort, ja lebte in seiner Erniedrigung erst 1 19*