Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1890)
- Date
- 1890-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 und fortgerisse» wird von den verheerenden Wogen der Zeitenflut, die jetzt so still und sanft an dir vorüberfließt. Sie kömmt oft schneller, als du glaubst, oft früher, als du an sw denkst, folgt allen deinen Schritten und ist immerfort dir nahe, überfällt dich in deinem Freudenräusche, entreißt dich deinem Hoffnungswahne, stürzt aus dem Himmel deiner Herrlichkeit dich in einen Abgrund und führt dich hinab, hinweg aus dem Hause, das du dir hier zu deiner Heimat aufgebaut hast und trägt dich in das einsame Grab, wo du dem Staube der Verwesung anheimfällst! Alltäglich wird die Mahnung an unsere Vergänglichkeit uns verkündet, alltägl ch das Bild des untergehenden Lebens von Neuem uns veranschaulicht. Es kömmt! der Abend und ein Tag wird begraben, um die Erde legt sich ein schwarz« r Trauerflor und am Himmel werden die Todtenfackeln angezündet; die Sonne hat! ihr Haupt zur Ruhe geneigt und das Weltall ist in den Schoß der Dunkelheit herabgesunken. Siehe! So wird auch einst der Abend deines Lebens kommen, die Nacht des Todes über die Gefilde deines Daseins sich ausbreiten, anch dein Haupt, das du so hoch trägst, in das Reich der Schatten hinabsinken, deine Welt dir untergehen und in Staub zerfallen, in Finsternis zerfließen. Nur wurde das uns das Lebe», und wenn es auch mit allen Gaben und Reizen bei Erdenwonne ausgestattet wäre, nur verleiden und verbittern, so unser Blick in die Zukunft nur ein Blick in die Finsternis sein würde und wir auf die aus bangendefi Herzen sich erhebende Frage: „Wächter! wie stehts um die Nacht?" un die Nacht, die nach Ablauf unseres Lebenstages auf uns hernieder fällt nur die Antwort erhielten: Wem einst der Morgen des Lebeys anfgegangen ist, ier muß es sich auch gefallen lassen, daß die Nacht des Todes an ihn herankömmt, Vergänglichkeit ist des Menschen Los und kein Weg führt ihn über das Grab hinaus! Allein horchen wir ernstlich auf die Ahnungen unseres Herzen, auf di« Stimmen Gottes, die uns durch die Seele klingen, ziehen wir uns einmal aus dem Taumel des Erdenlebeus zurück, um einzukehren in unsere geistige Welt md dem tieferen Sehnen unseres Gemütes zu lauschen und zu folgen, da erw ütert sich unser Blick, da erhellt sich unsere Zukunft, ein Hoffnungsstral leuchtet an unserem Seelenhimmel auf, der hinter den finsteren Todespforten die Gefilde des ewigen Lichtes uns erscheinen läßt. Nein! nicht das Fleisch, nicht d:r Staub ist es, der dich zum Menschen macht, rufen sie uns zu, es ist Gei t vom Geiste Gottes, der in dir lebt, es ist der Odem des Allmächtigen, der dich beseelt und schon hienieden fühlst du über das Irdische dich erhoben, wenn das Leben des Geistes in dir wach bleibt. Und w ls ist das Leben des Geistes? Ein unstillbares Verlangen nach dem Höheren, ein fortwährendes Aufstreben zu dem Unendlichen, ent stetes Suchen nach Gott. Und dieses Verlangen sollte der Schöpfer umsonst uns in die Seele geleckt haben, dieses Streben sollte stets ein zielloses und aussichtloses bleiben, dieses Suchen uns nie dahinführen, daß wir Gott finden und mit hellem Geiste seine Herrlichkeit erschauen? Was bliebe denn, wenn wir den Geist mit diesem fein innerstes Wesen ausmachenden Verlangen nach dem Höheren aus unserem Herzen uns hinwegdtnken würden, als Quell und Inhalt unseres Menschentum ins noch übrig? Wodurch würde sich dann der Mensch noch von dem vernunftloseu Thiere unterscheiden, das gleich ihm auf der Erde lebt und stirbt? Doch das ist der Vorzug und die Größe des Menschen, daß die irdische Staubeshülle, die sein Wesen umkleidet, die Wohnstätte des himmlischen Geistes ist, den der Herr ihm verliehen hat. Das irdische Leben, ist für uns nur die Vorhalle tes ewigen Lebens und der Tod eine Brücke, die aus dem Reiche