Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1890)
- Date
- 1890-09-01
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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202 es, ruft gleichsam Hinimel und Erde zu Zeugen an, daß ein Gelehrter, welcher mit der Thora sich beschäftigt und nur vom Eigenen, von seiner Hände Arbeit und Mühe lebt , »d sich nicht von anderen ernähren läßt, auf sich das Psalmwort anwenden kann: „Wenn du deiner Hände Arbeit genießest, heil dir und dir ist wohl/") Allerdings gilt bei uns Juden seit ältesten Zeiten der Grundsatz, de» man schon in dem Segen Moses entdeckt zn haben glaubte: Das Wissen Jsachars ist nur durch die reiche Unterstützung Sebulüns möglich. Und die Reichen in Israel betrachtete >i es nicht nur als Ehrensache, sondern als eine heilige Pflicht, den armen Gelehrten ausreichende Unterstützung zukommen zu lasten, damit sie sich sorglos der Beschäftigung mit der Gotteslehre widmen könnten. Der kluge und vorsichtige C imnieutator Raschi kann sich aber der wohlmeinenden Bemerkung nicht enthalten: , Verbinde mit der Wissenschaft eine Thätigkeit, welche dich nährt, denn die uiiziiverlossige Freigebigkeit der Menschen könnte dich doch einmal im Stiche lassen und nm's Wissen und nm's Studium wäre es geschehen! ^)" Raba, das Haupt der Schule in Machuza, dessen Vorträge die Schüler in ungewöhnlicher Zahl anzoge», er mahnte die Jünger: „Ich bitte euch, laßt euch bei mir nur nicht in den Frühlings- und Herbstmongten sehen, damit ihr nicht das ganze Jahr hindurch von N chrungssorgew gequält werdet, wenn ihr die Zeit der Ernte, der Weinlese und der Oelbereitung versäumt.") Wo Trägheit und Müßiggang herrscht, da kann der Geist Gottes nicht weilen^); selbst das Gebet, das kein bessere Vorbereitung als Müßiggang hat, wird nicht die rechte Wirkung üben?) Die Frauen hatten im Altertuin gewisse Arbeiten im Hause des. Mannes zu verrichten; doch k» »unten sie, wenn sie eine reiche Anzahl von Dienerinnen aus dem Elternhause mitgebracht hatten, vom größten Teil der Arbeiten, doch nicht von jeglicher sich bes ten und dem gänzlichen Nichtsthun sich hingeben. Hatte ein Gatte ein Gelübde gethan, infolge dessen die Gattin keinerlei Arbeit im Hause sich unterziehen dürft», so mußte er der Gattin den Scheidebrief geben, das ihr zukommende Heiratsgut samt Widerlage ausfolgen; denn wie die Alten sagen, führt Müßiggang zum Laster und endlich zum Wahnsinn".) Nirgends als im Judentum hat der Müßiggang eine stärkere Verurteilung gefunden, und es erscheint darum, nur natürlich, wenn das Gegenteil, die Arbeit, sich der höchsten iWerthichätzung erfreut. Das erste, was unsere Religion uns vorführt, wodurc) sich Gott gleichsam bei den Menschen und in die Welt einführt, ist: die Arbeit, die Schöpfung und die Thätigkeit. Die Bestimmung, womit Gott die Schöpft ng sich selbst überantwortet und überläßt, lautet: Zu wirken/) Aber nicht allein eine Bestimmung, welche auch eine leidige und unglückliche sein kann, sondern das höchste Glück, der größte Segen ist die Arbeit. Denn Adam wird von Gott ins Paradies gebracht, um den Garten zu bearbeiten und zu behüte»; er muß sich mit den. Tieren beschäftigen, muß ihnen Namen geben. Damit will die heilige Schrift nur sagen: Ohne Arbeit ist die vollkommene Glückseligkeit des Menschen nicht möglich, ohne Arbeit — kein Paradies. Es wäre aber ein großer Irrtum zu glauben, daß die heilige Schrift die Arbeit als Fluch für die Menschen hinstellt, weil die Strafe Adams dahin lautet: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brod verzehren." Nicht die Arbeit, welche auch im Paradies zu verrichten war, sondern der Kampf gegen die Hinder- ') Jalkut. 4) cbend.; 5) Sabl Deuteron c. 30. *) Tauch, zu Gen. c. 49, 13; 3) Raschi Berach. 35, b; 30, b «) Berach. 31; -) Kethub. 5, 5.