Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1890)
- Date
- 1890-09-01
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969933-2969943--3002-2976687- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 198 — uns würdig borbe reiten, daß wir jedes derselben nach seinem Inhalt erkennen und nach seiner Bedeutung erfassen. Die Bedeutung des ersten Festes, welches wir in jedem Jahre feiern, liegt so nahe, so klar ror Augen, daß sie eigentlich nicht erst braucht erörtert und auseinandergesetzt;u werden, sie liegt in feinem Namen, in dem Namen „Jahresanfang", den woh die schriftliche Lehre nicht kennt, der aber von dem Volke geschaffen und durch die Ueberlieferung geheiligt, alle früheren Bezeichnungen verdrängt hat und n der Feier dieses Festes zunächst zum Ausdrucke gelangt. Wenn nicht die Vorschrift des Gesetzes, das Gebot unseres Herzens hätte uns schon zur Feier des Jahresc nfangs ausgefordert; erinnert uns ja der Jahreswechsel daran, wie wir, Kinder b rr Vergänglichkeit, alle dem Wechsel unterworfen und wie nichts bleibende Dauer und ewigen Bestand hat auf Erden. Allein nicht menschlich in dem Sinne allein, daß das Bewußtsein unserer menschlichen Schwäche und Hinfälligkeit in uns rege werde, ist das Neujahrsfest, welches wir feiern, sondern menschlich iß deni höheren Sinne, daß wir da überhaupt unser ganzes menschliches Wesen erfas en, daß wir auch unserer menschlichen Würde und Hoheit uns bewußt werden. Es ist deshalb nicht ein Tag der Trauer, den wir da begehen, ein Tag der Klagr, an dem wir unsere Seele mit Todesgedanken ängstigen und uns zur Verachtmg des Erdenlebens bestimmen, sondern vielmehr ein Tag des Denkens und Erirnerns, ein Tag, an welchem wir zu lichter Selbsterkenntniß uns erheben, an drm wir das Leben verstehen und würdigen lernen, an dem wir uns rüsten mit sittlicher Kraft, an dem wir uns erheben und ernmtigen, uni mit der Zeit immer fortzuschreiten und emporzusteigen zu den Höhen danernden Heiles und wahrer Vollendung. Wie der Beginn eines neuen Jahres uns an den Beginn der Zeit überhaupt, an die Schöpfung der Welt erinnert so will er auch unseren Ausblick nicht so sehr auf die Zukunft hinleiten, in der nur eines uns gewiß i't, nämlich der Tod, sondern vielmehr in die Vergangenheit, welche wir wohl kmnen, aber oft gerne vergessen möchten. Ja erinnern sollen wir uns an das was wir da haben versäumt oder gar verdorben, an das was wir da haben vergessen und vernachlässigt, uns daran erinnern, wie wir in Leichtsinn und Unvernunft uns unserer Bestimmung entzogen und entfremdet haben und aus solcher E innerung den Antrieb, die Kraft zu inneren Erhebung und Aneiferung schöpfen. „Heil dem Volke das den Weckruf eines neuen Jahres versteht, es wandelt im Lichte der göttlichen Wahrheit". Mehr als bei allen andern Festen kömmt es bei der Feier des Neujahrstages auf das Verständniß an, mit dem wir sie begehen, drnn während bei allen nur gefordert wird daß wir ihre Gedanken, ihre Lehren erfassen, sollen wir mit dem neuen Jahre uns betrachten, uns erllnnen, mit uns zu Gerichte' gehen, uns beurteilen und zur Einsicht gela ngen wie weit wir noch von jener erhabenen Vollkommenheit entfernt siu>, die wir unserer Bestimmung gemäß anstreben und erreichen sollten. Za mit einem Feste, bei welchem zunächst die Beziehung auf das Menschliche hervortritt, welches uns zu einer weisen Betrachtung des Lebens anffordert, in welchen, wir unseren eigenen Gefühlen, dem Wunsche unserer Seele, dem Bedür nis unseres Gemütes entgegenkommen, eröffnen wir das Jahr, das in ein weiteres Lebensgebiet uns hinausführt, weil die Selbsterkenntniß die notwendige Vorbei ingung alles höheren Strebens, die feste Grundlage ist, auf der der Bau aller Tugend und Gesittung beruhen muß. Betrachten wir unsere Vergangenheit, prüfen wir unsere Gesinnungen, unsere Bestrebungen, unsere Ab-