Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1890)
- Date
- 1890-09-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2969669-2969933-2969943--2999-2976684- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
von Körper, ausgestattet wohl mit scharf eindringender, aber nicht mit glanzvoll hinreißender Geisteskraft, in mühsam ausdauerndem Ringen aus 1>em Schoße einer lange mißhandelten, vom Antheil an Geistesleben der Nation ausgeschlossenen Gemeinschaft sich zu lichten Höhen edelster Bildung vorbildlich hindurchgearbeitet hat. - j Führwahr, es ist ein rührendes, herzergreifendes Bild, dieser arme jüdische Knabe, der dem verehrten Lehrer seiner Jugend kaum vierzehnjährig in die große Hauptstadt nachwandert und unter unsäglichen Entbehrungen mit-nicht zu entmutigender Willenskraft dem einen Ziel zustrebt, die Bildungsquellen der Nation, in deren Mitte er lebt, sich zugänglich zil machen und an Wissenschaft zu gewinnen, was die Besten seines Zeitalters und der Vergangenheit aus mancherlei Zeiten und Völkern ihm bieten können. Und wie er in dürftiger Abgeschiedenheit darbt und ringt und mehr zu innerer Klarheit dnrchdringt, da begegnet ihm durch eine Gunst der Vorsehung der berufene Genius in der Gestalt des gleichaltrigen Lessing. Mit diesem zu den größte r Thaten ausgerüsteten Jüngling, dnrch den sich der Aufgang eines neuen Geistesfrühlings für Deutschland und die Kulturwelt vorbereitetete, darf er fortan in eifrigein Zusammenstreben wirken und schaffen. Er sieht sich ohne seinen Willen in die deutsche Schriftstellerwelt eingeführt; er gewinnt sich ohne eigenen Ehrgeist Lob und Ruhm und bedeutsamen Einfluß auf die Denkweise seiner Landsleute. Aber je höhere Gunst ihm ein freundliches Geschick gewährt, je mehr er sich uinworbeii, ja bewundert sieht: desto stiller und bescheidener zieht er sich in sich selbst zurück; desto emsiger und gewissenhafter Pflegt er die ihm verliehene Gabe, wartet er dies ihm vertrauten Berufes: Vielen ein Führer zum Lichte zu sein. Die Zeitgenossen haben ein sokratisches Element in dieser gefaßten Weisheit, in dieser überlegten Mäßigung seines persönlichen Wesens finden wollen; wir, die Heutigen, werden vor allem den stiller» Ernst und die gesammelte Andacht eines unausgesetzten Strebens nach persönlicher Selbstbildung und objekiver Erkenntnis als das Vorbildliche an dem trefflichen Manne betonen. So hat er zunächst das Eine steller in deutscher Sprache geworden. erreicht: er ist ein mustergültiger Schriftder Sprache, die er gewisserinaßen wie ein Fremder erst als Jüngling sich anzueignen hatte die er erst durch mühsamstes Ringen und tausendfache Üebung zu bewältigen lernte. Wie man schwierige Gedankenpropleme in deutscher Sprache klar, leicht und anmnthig behandeln könne, das hat er nicht neben Anderen, sondern vor Anderen mit größter Wirksamkeit gezeigt, und selbst die wundersame Begabung eines Lessing mag darin seinen . fördernden Einfluß erfahren haben. Und weiter: der Meister der sprachlichen Form ward auch ein Meister des Gedankens. Mit der vollen Wärme eines begeisterungsfähigen Herzens wandte er sich der Lehre Leibnizens zu — er selber nennt sie die deutsche Philosophie — und nur um so frendiger schloß er sich ihr an, als er in ihr die besondere Pegabung seiner deutschen Landsleute charaktervoll ausgeprägt fand. Wohl hat erauch Gedanken der Ausländer, die damals eine führende Bedeutung! hatten, auf sich wirken lasten; aber der Grundton seines Denkens war deutsch und mit schönem Nachdruck hat er den Zeitgenossen die unwillige Mahnung! zugerufen, die auch heute wieder und gerade heute ein volles Recht hat: „Werden denn die Deutschen niemals ihren eigenen Werth erkennen? Wollen sie ewig ihr Gold für das Flittergold ihrer Nachbarn vertauschen?"