Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1890)
- Date
- 1890-06-01
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969933-2969940--2922-2976604- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
heiligten, gottentstammten Rechts, das nicht erbettelt zu werden braucht und nicht geschenkt werden kann, sondern das, unveräußerlich, mit uns geboren wird. Es war eine Mannesthat, als Rießer seine erste Schrift, seine Schutzschrist für die Juden, der Welt übergab. Kühn schleuderte er in ihr der Welt den Fehdehandschuh entgegen, ja, es waren Kolbenschläge gegen das System der Zurücksetzung um des Glaubens willen, Kolbenschläge gegen die Pforte der Gleichstellung, die bis dahin den Juden verschlossen war und die denn schließlich auch diese Pforte erbrachen. Nach Außen wie nach Innen richtete Rießer sein eindringliches, überzeugendes Wort. Dem Staat sagte er, daß er so wenig das Recht habe, einen Glauben zu verbieten, als ihn zu erzwingen. „Hätte", sagte Rießer, „der Teufel ein demoralisierendes, frivoles Gesetzgebungssystem erfinden sollen, er hätte für unsere Tage kein passenderes gefunden, als das der bürgerlichen Unfähigkeit des Glaubens wegen. Nur eine geheuchelte Religiosität, oder eine zwischen Bigotterie und Judiffereutismus in unklaren Vorstellungen und wechselnder Laune hin- und hergeworfene Ansicht kann der rechtlichen Zurücksetzung einer Religionspartei im angeblichen Interesse der Religion noch das Wort reden." Seine Glaubensgenossen forderte er zur Bildung von Vereinen auf, deren Mitglieder ihren ernsten Willen aussprechen, alles nach bester lieber-- zeugung zu thun, was zur Erwerbung bürgerlicher Gleichheit erforderlich sei. „Aber", erklärt er auf das Bestimmteste, „wir haben an der Religion unserer Väter nichts zu rächen, wir haben nur Ursache, sie zu lieben. Wir sehen nichts, als die freieste Entwickelung der innersten Lebenskeime des Mosaismus, gereiht an das Höchste, was die Menschheit unserer Tage zu fassen vermag, was für uns an deren Stelle treten könnte. Wir verehren mit tiefgefühlter Begeisterung die Gruttdsätze der Vernunft und der Freiheit, denen alle edlen Bestrebungen unseres Jahrhunderts zugewandt sind; aber wir verachten jenen Jesuitismus derAufklärung'),der den Glauben wie das Gewand wechselnder den Lama oder Fetisch, wie Mnhamed oder Christus, der diesen nach den Lehren der katholischen Kirche, Luthers oder Calvins anzubeten bereit ist, je nachdem es die Umstände mit sich bringen. Das inhaltschwere Wort der ewigen Wahrheit: „Du sollst den Namen deines Gottes nicht umsonst anrufen" hallt ewig in den Tiefen unseres Herzens wieder und flößt uns ein Grauen ein vor einem Glaubensbekenntnis, an dem das Herz keinen Teil hat und Abscheu gegen eine verworfene Gesetzgebung, die zu solchen Bekenntnissen, lockt." Die treffliche Schrift, nebenbei gesagt, eine Perle des deutschen Schrifttums, wurde, wie sie in weiten Kreisen Aufsehen, ja Bewunderung erregte, doch auch hart angegriffen. Der bekannte Professor Paulus bekämpfte Rießers Ausführungen, indem er die Frage als eine Frage der Nationalität oder, wie Paulus' geistige Erben heute sagen, als eine Racenfrage behandelte. Und nun vernehmen Sie die wuchtigen Worte, mit denen Rießer die Angriffe des Heidelberger Theologen zurückwies, Worte, denen wir auch heute noch aus vollem Herzen zujubeln, ja denen wir auch heute noch nichts Besseres an die Seite zu stellen wüßten. Er sagt in der von ihm in sechs Tagen verfaßten Schrift: Verteidigung der bürgerlichen Gleichstellung der Jüden gegen die Einwürfe des Herrn vr. ') Diele scharfe, aber zutreffende Bezeichnung trifft auch heute noch in der neuerwachten Bewegung so manche Stimmführer, die solchen Glaubenswechsel von uns fordern, nicht nur H v- Treitschke und Ed. v. Hartmann, sondern auch den uns im Ganzen wohlgesinnten Mommsen.