Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1890)
- Date
- 1890-06-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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/ — 124 - Mit einander führ en und aus dem wenigstens eine Stelle Ihnen mitzuteilen ich mir nicht Versager mag. Der Vater schreibt seinem Sohn bei Uebersendung eines Geburtstagsgeschenkes : „Als Symbol meiner väterlichen Wünsche nimm mein Geschenk an, das in einein recht chönen Perspektiv besteht, so schön ich es nur haben konnte; denn was wann meine Wünsche anders in diesen zwanzig Jahren, als Dir, meinem jüngsten Sohn, das schönste Perspektiv für die Zukunft zu geben? O, mein Gabriel, halte die Gläser rein, damit Dir die Aussicht stets und in allen Lagen recht hell bleibt und wenn wir, will's Gott, in Freuden wieder vereint sein werden, so reiche mir auch zuweilen Dein Perspektiv, damit auch ich recht deutlich und klar in Deine Zukunft sehen kann; aber verhülle mir nie die Gegenstände, dahin Du mit Begierde blickst, ich werde sie klar und mit Freundesa lge schauen, und ich hoffe, mein gutes Gesicht wird im hohen Alter noch die j egendliche Kraft zu sehen behalten und das gebe der liebe Gott." " Rießer Haie seine academischen Studien glänzend absolviert; er wurde Doktor beider Rechte und bestand sei» juristisches Examen summa cum lamle. Aber was nun? Es war keine glänzende Perspektive in die Zukunft, die sich dem trefflich vorgebildeten jungen Manne eröffnete. Die akademische Wirksamkeit, nach der sein Sinn stand, wie die Advocatur waren ihm verschlossen — denn er war Jude. % urch sein Glaubensbekenntnis allein hatte er den Anspruch ans eine ehrenvolle V irksamkeit, auf eine Bethätigung seiner reichen Kräfte im Dienste des Vaterlands, in Dienste seiner Mitbürger verwirkt. Freilich, wäre er ehrlos genug gewesen, um sein Bekenntnis von sich zu werfen wie ein Gewand, das ihn auf seiner Lebenreise aushält, mit offenen Armen hätte man ihn empfangen, und die glänzendste Lausbahn würde sich ihm erschlossen haben. Aber ein Rießer konnte mit dem Heiligsten, das er in sich trug, keinen Handel, keinen Schacher treiben. Er war : md blieb — Jude und was für einer! Gabriel — Mann Gottes — war sein Rar re und wie eiu Mann Gottes kämpfte er mutig und unerschrocken, heldenmütig gegen den Geist der Finsternis, ja gegen den finsteren Geist der Unduldsamkeit, der sein Vaterland beherrschte, der die besten und edelsten Kräfte ihm entzog und Charakterlosigkeit mit Rang und Würden belohnte. Zurückgedrängt von jeder praktischen Wirksamkeit und hingedrängt auf den Kampf mit dem Geiste der Finsternis, 1 chrieb Rießer mit der vollen Feuerkraft seines jugendlichen Geistes seine Erstlingssck rift, betitelt: „Ueber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland. Au die Deutschen aller Konfessionen." Mit dieser Schrift betrat Rießer eine Bahn, die vor ihm noch Niemand beschritten hatte. Denn wie auch für die Verstoßenen und Verbannten schon Mancher vor ihm das Wort erhoben — ist Ihnen selbst doch im vorigen Jahre eine Reihe von Männern vorge ührt worden, die für die Zurückgestellten mannhaft eingetreten — so haben diese Männer, so sehr wir ihr Wirken auch Preisen und dankbar anerkennen, daß sie die Bahn zu unserer Freiheit geebnet, sich doch nicht zu der Anschauung zu erheben vermocht, daß es sich hier um ein Anderes, um ein Höheres handle, als um die nlitleidsvolle Gewährung von Rechten an Bedrückte und Geschmähte daß es sich hier handle um das Recht. Ja, Rießers Bedeutung wurzelt insbeson )ere darin, daß er die sogenannte Judenfrage aus dem wankenden und schwankenden Bode» der Zuuud Abneigung, des Mitleids und der Zweckmäßigkeit empoi gehoben auf den felsenfesten, unerschütterlichen Boden des ge-