Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1890)
- Date
- 1890-05-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
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106 Sittlichkeit und Nächstenliebe wünsche, müsse Oeffentlichkeit des Gottesdienstes fordern, um Sektengeist und Haß zu meide». Der jihlil nnste Haß sei der Religivnshaß. Darüber, was der Seele Trost und Erhebung biete, habe kein Sterblicher zu entscheiden. Wo die verschiedenen Religionsübungei öffentlich nebeneinander bestehen, — wie i» Nordamerika sei Anfeindung und Mißgunst gegen den Andersgläubigen selten, nur wo eine herrschende Relicion auf Kosten anderer sich erhebe, da leide oft sowohl der herrschende als der unterdrückte Glaube unter Fanatismus und Verbitterung. Die nächstvergangenen Jahrhunderte zeigen die traurigen Spuren hiervon und rufen der Nachwelt warnend zu, sie solle nie die Religion privilegirt glauben, nie mit dem Hii imlischen ein schnödes Spiel treiben. Der öffentliche. Gottesdienst befördere ferner wahre Aufklärung. Nur durch allgemeine freie Besprechung iverde Verständigung erzielt, werden die Schlacken gesondirt, werde Licht im Gemüte; wo sie sich scheu verbergen müsse, nehiiie die Religion einen finstern, mystischen Charakter an, eine rauhe, düstere Außenseite, sie halte als heilig Erdichtetes für wahr, der Friede sei gefährdet, es entstehen Parteien, die sich aufs Gransamste anseinden. Das beweise die Entstehungsgeschichte des Ehristentiims »nd seiner Sekten. Was man den Religionen Nachteiliges andichte, rühre erst ans der Unkenntnis ihres Wesens und ihrer Gebräuche, wie es dem Christentum bei den Römern nach dem Briefe des jüngeren Plinius erging. Ebenso ergehe es dem Judentum, das man keiner näheren Untersuchung gewürdigt. Jeder Glaube, der sich des Guten und Wahren bewußt sei, fordert Oeffentlichkeit, damit Jeder komme, sehe, höre und sich überzeuge, daß auch hier aus Anbetung eines reinen Wesens, auf Tugend und Recht gedrungen werde. Die öffe itliche Uebung des Gottesdienstes erfordere ein hierzu errichtetes Gotteshaus. Die Kirche oder Synagoge sei das verkörperte Band das Menschen aneinander knüpfe, sie verbürge auch die religiöse Duldung. Wem seien die Blutströme des dreißigjährigen Krieges geflossen, wofür habe Deutschland sein Mark hingegeben, noch heute nicht vernarbte Wunden empfangen, als für das höchste Menschenrecht, die freie Religionsübung? „Und wahrlich der Jude hätte noch mehr Recht, wenn je von mehr oder weniger Recht die Rede sein kann, wo ans der Seite der Gegenpartei sich das himmelschreiendst, Unrecht findet, als die Bekenner Luther's und Calvin's zur damaligen Zeit. Karl V. hatte katholische Unterthanen ererbt, nach damaligen Begriffe vererbte man Menschen mit Leib und Seele, die Ferdinande glaubten ihre Erbschaft begründet. Der Jude aber trat in jedes Land, wo ihm der Einlaß gestattet wurde, als Jude ein, sein Glaube konnte nicht als Abfall,, nicht als vernqchlässigte Unterthanenpflicht betrachtet werden. Das Recht war aus der Seite der freien Männer, die für ihren Glauben, für ihre Gewisseltsfreiheit gegen Karl und die Ferdinande anftraten und es entschied auch für sie die Macht der Masse»; ach, das Recht ist auch heute auf Seite der Juden, sollten sie es d umm nicht behaupten, weil keine bewaffnete Hand sich für sie erhebt? Es sind inn bald anderthalb Jahrhunderte, daß den Inden, nachdem man sie in den finster:» Zeiten des Mittelalters hier zu Tausenden hingewürgt, der Eintritt in Sach en wieder erlaubt wurde, und noch haben sie kein Gotteshaus, noch keine öffentliche Anerkennung, noch verrichten sie im Verborgenen, in meist unzugänglichen Stuben ihren Gottesdienst! — Doch es wäre tiefer Undank, wollte die wohlwollend« Huld des H. Cultusministekiums verkannt werden."