Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1890)
- Date
- 1890-05-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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103 religiöse Bedürfnis des Menschen als eine Sehnsucht, als der unlöschbare Durst nach Glück und Befriedigung Erklärt werden kann, will er diesen Zweck der Religion allein im Auge behalten und sich nach keiner Autorität kehre». Nicht ans dem Gesichtspnnkte ihres Motive», sondern aus dem ihres Zweckes soll die Religion fortan betrachtet werden und in der Pflege des Sittlichkeits-, Schönheits-, Weisheits- und Willensideals zn Ausdruck kommen, ivodurch der endliche Mensch mit der Unendlichkeit verbunden und der Pessimismus überwunden wird durch Hinweis auf eine andere vollkommene Welt und ivodurch allein nur das Leben einen Zweck erhält, der uns mit Befriedigung erfüllen kann. Das sind wohl schöne unbestreitbare und unbestrittene Gesichtspunkte über die Religion im Allgemeinen. Herr I)r. Stern will aber dabei den ganzen Schulchan-aruch bestehen lassen, aber wohl gemerkt, nur für den, der seiner bedarf. Es ist dies eine Anerkennung und Aufhebung desselben in einem Athen, und erinnert an den landläufige» Spruch: „Jeder Jude hat seinen eigene» Schulchanaruch." Wie müssen gestehen, daß wir das Kapitel über das dogmafreie Judentum für ein verfehltes halten, das kann doch wohl nur den nicht maßgebenden Standpunkt eines einzelnen Juden und nicht den officiellen Standpunkt einer Gesammtheit bilden, abgesehen davon, daß dadurch bei den ohnehin allzu subjektiven Anlagen unserer Glaubensgenossen eine Zerklüftung, eine Unordnung eintreten würde und Zustände herbeigeführt werden möchten, zu denen im Bergleiche unsere jetzigen Verhältnisse geradezu paradiesisch zu nennen wären. Es würde dadurch erst recht dein Einzelfanatismus und der Leidenschaft Thür und Thor geöffnet werden und die Gemeinden würden zu Stätten des Zankes und des Haders herabsinken. Ueberhaupt ist es verfehlt, das Judentum noch mehr auf das Belieben der einzelnen Individuen aufbauen zu wollen. Der Verfasser hat sich hier in eine geistige Sackgasse verrannt und kommt zu dem absonderlichen Satze: „deshalb soll kein Jota aus dem Schulchan-aruch, insofern er die Privatfrömmigkeit behandelt, gestrichen werden, er gilt als die höchste Stufe der Frömmigkeit." Wir brechen hier lieber ab, weil man hier den Verfasser von der hohen philosophischen Anschauung über Religion, die große praktische Gedanken in Bezug auf das Judentum erwarten ließ, völlig herabsinken sieht und bedauert, daß man tadeln müßte, wo man gerne loben möchte. Zum Schlüße wollen wir noch hervorheben, daß das Buch, dessen Vorschläge zur Umgestaltung des Judentums nach innen als verfehlte zu bezeichnen sind, nach außen hin im Bezug auf Proselytenaufnahme gesunde Vorschläge enthält, hauptsächlich daß wir pns nur mit dem einfachen Bekenntnis der Annahme des Judentums bei Proselyten begnügen sollten. Möge der Herr Verfasser, der über reiches philosophisches und theologisches Wissen verfügt, sich durch diesen Versuch zur Lösung der inneren Judenfrage nicht abhalten lassen von neuem derselben nachzugehen und möge er aus der sonst nicht gewohnten ausführlichen Besprechung seines Werkes in unserem Vereine und in unseren Monatsblättern die Ueberzeugung gewinnen, wie wir trotz der notwendig gewordenen Ausstellungen ihn und sein Streben hochschätzen. An uns aber, geehrte Mitglieder des Mendelssohn-Vereins, ergeht die Mahnung, unentwegt fort* zufahrcn auf den betretene» Bahne», denn es kann darüber kein Zweifel herrschen, daß das Judentum in den Culturländern nur in dem Geiste der positiven Reform forterhalten werden kann und daß wir so, ausgerüstet mit den Waffen der Wahrheit, die inneren und äußeren Feinde besiegen werden. Die Zeichen der Zeit mahnen zur Wachsamkeit. Werfen wir ab, was nicht mehr haltbar und