Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1890)
- Date
- 1890-05-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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101 bindet, man reißt ein und baut auf, niau stellt den-versöhnenden Zusammenhang zwischen Lehre und Leben her. Man betrachtet das Judentum im Lichte seiner geschichtlichen Vergangenheit und seiner mesiianischen Zukunft und gestaltet daraus seine lebensvolle Gegenwart, die im Glauben ihre Wurzel und in der Wissenschaft ihre Krone hat. Es heißt, die Idee der Reform des Judentums, welche das Prinzip der Entwicklung zu Ausdruck bringen will, gar arg verkennen. als Paralelle für sie den jeder Entwicklung feindlichen Zadducäismus und Karaismus heranziehen, wie dies Herr I)r. Stern thut oder, wenn er in der Reform gar ein Zurückkehren zu einem alten Standpunkt erblickt, der er eine gewisse Berechtigung zuerkennt, weil sie immer dann auftreten muß, wenn die Religion sich veräußerlicht. Das Prinzip der Reform ist das der historischen Entwicklung und Gestaltung und dadurch erweist sich auch Alles, was der Herr Verfasser über Gegenreform und eine1 erneute Verinnerlichung der einmal giltigen Gebote ausspricht, als unhaltbar. Versuche, die Ergebnisse der Wissenschaft in den geltenden Cermonieen zu suchen und zu finden oder besser in dieselben einzuzwängen, bewirken nur, daß sowohl Wissenschaft als Judentum zu einem Zerrbilde ihrer selbst werden, das reine unverdorbene Geister eher abstößt als anzieht, und daß lächerliche Symbolik, schlechtverholene Heuchelei und offenbare Lüge an Stelle der ewigen leuchtenden und erwärmenden Wahrheiten treten. Man darf allerdings das Reformjudentum nicht mit dem religionslosen vom Materialismus zerfressenen Nationaljudentum verwechseln, das dem Fleische nach mit der Orthodoxie ebenso eng verbunden ist, wie es weit entfernt ist vom Geiste des Judentums. Der Vorläufer oder vielmehr der Anreger zu einer geistigen Reform des Judentums, Moses Mendelssohn, der zuerst eine kritische Behandlung der Bibel und in Folge dessen des ganzen jüdischen Schrifttums anbahnte, hat es unbewußt bewirkt, daß später auch die Theorie über die einheitliche Abfassung des Pentateuchs als ein Ding der Unmöglichkeit dargethan wurde, und daß man in der Mischnah und im Talmud nur Beweismaterial dafür fand, daß das Judentum sich immer mit den Ideen der Zeit in Einklang setzte, und so haben denn die Orthodoxen mit ihrer veralteten Anschauung über schriftliche und mündliche Lehre den Boden unter ihren Füßen verloren. Sie mag noch sehr bestehen, die Pseudo-Orthodoxie, sie hat dennoch keine Zukunft, ja keine Gegenwart, sie ist eine offenbare Lüge, sie schleppt das Ghetto nach in Hellen Tagen, sie ist, nicht lebensfähig und kann sich nicht einmal auf die Vergangenheit berufen. Ihre Macht ist' die Gleichgiltigkeit der Massen, die gedankenträg' und gemütsarm sind, ihre Waffen sind Trotz und Fanatismus, aber ihre Tage sind gezählt. Wie treffend ruft der Herr Verfasser aus: „die Krankheit, orthodox zu sein wenn man es auch nicht ist, das heißt die Moral stützen durch Unmoral und je größer der Pathos, desto größer der Trug, die Lüge, die Unmoral. Berichtigen müssen wir hier, was Herr Ur. Stern schreibt: Wer nicht glaubt, daß Gott sich auf dem Sinai herabließ und unter Donner und Blitz persönlich die zehn Gebote verkündigte, der glaubt ankeine Offenbarung. Dann wird auch im Talmud nicht an eine solche geglaubt, wo es heißt: „Nie ließ sich die Gottheit auf Erden nieder und nie stiegen Moses und Elia in den Himmel.') Dann glauben auch mittelalterliche jüdische Religionsphilosophen nicht an eine solche, die über die Idee der Offenbarung ihr ganzes Leben forschten und zu anderen Resultaten gelangten. Dann sollte man Maimonides verketzern, wie das die Orthodoxen seiner Zeit ') Succah 5 und Mechilta zu Jetro 4.