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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1890-05-01 · Heft 5 (1.5.1890) · p. Seite 100

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 5 (1.5.1890)
Date
1890-05-01
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 paßt auf die heutigen lebenslustigen Orthodoxen, die sich durch Sorgen um das jenseitige Hel weiter nicht in ihren weltlichen Vergnügungen stören lassen, in keiner Weise. Der Gruild der heutigen geistesarmen Orthodoxie, die ut maßloser Ausdehnung des Gesetzes, für das man innerlich nicht mehr begeistert ist. ihren Ausdruck findet liegt vielmehr in einer gewissen nationalen Verengung, Absperrung und 'lbschließung, sb wie das innere Geheimnis der Reform in dem alle Welt umspannenden und umfassenden Humanismus zu suchen ist, der sich auf den Theismus aufbaut. Aus dem Gegensätze zu dem alten Prophetismus, der noch immer unter den Juden nicht nur wenige Anhänger, sondern sogar viele Feinde zähl, ist die Orthodoxie entstanden, die den Aberglauben vieler Völker int Laufe der Geschichte mit aufnahm, um ihn nachher sogar als sinaitisches Gesetz zu stempeln. Es ist das der alte Gegensatz zwischen Priestertum und Prophetentn», welcher schon im Pentateuche zwiespältig neben einander anzutreffen ist, der heute noch als die innere Ursache zu betrachten ist zu den Erscheinungen, die >vir mit Bezeichnungen wie Orthodoxie und Reform zu benennen gewuhnt sind. Im Lichte und Sinne der heutigen Orthodoxie sind weder Abraham noch Mose weder Samuel »och Josua vollwertige Juden zu nennen. Auch Hel t Herr I>r. Stern richtig hervor, worin wir mit ihm ganz und voll übereinstimmen, daß die minutiöse Observanz, die die heutige Orthodoxie kennzeichnet, ein Ghettoerzeugnis sei. „Man watet im Ghetto knietief im Blute, ruft der Verfassei aus, „die Mauern sind feucht von den vergossenen Thränen, die Luft durchhal cn Klagelieder und Wehgeschrei. Erlösung, Erlösung schallt es überall zurück und es mehren sich Gebote und Verbote, es mehren sich Stunden des Gebetes, es mehren sich Fasttage und Büßlieder, weil man in der eigenen Sündhaftigkeit di« Ursache des Druckes erblickte." Aber es ist doch klar, daß. wir heute unter c anz anders gearteten und gestalteten Verhältnissen nicht mehr das Judentum »es Ghetto zu unserem geistigen Mittelpunkte machen können und dürfen, wie lies leider nur zu oft geschieht, da, waL damals hoch und erhaben erschien, heilte geradezu albern und thöricht ist. Herr Dr. Stern hebt ganz richtig hervor, di, melsten Gebote haben ihren Zusammenhang mit der inneren Religiosität des Herzens verloren, weder Verstand noch Gemüth sprechen sich heute unter ganz anders gearteten Verhältnissen für die Gesetzeserfüllung aus, sondern die mechanische Werkheiligkeit — und statt Verinnerlichung sehen wir jetzt eine Veräi ßerlichung, das Gebet ist Lippenwerk, das Ceremonialgesetz kasuistischer Formelkram. Nach diesem ehrlichen Bekenntnisse des Herrn Verfassers sehen wir uns ihm geistig näher gerückt und es macht uns all' das vergessen, worüber wir mit ihm uneins werden. Aber nich nur die Orthodoxie hat der Verfasser im Widerspruche mit sich selbst und mit ihrer wirklichen Erscheinung unrichtig erfaßt und darum falsch charakterisiert, fordern auch die Reform. Es ist durchaus unrichtig, wenn der Verfasser meint, man wolle in Reformkreisen zu früheren Perioden zurückgreifen und zurückkehren, in welchen ein großer Teil der Religionsvorschriften noch gar nicht vorhanden war, um damit etwa ihre Abschaffung und Beseitigung zu rechtfertigen, indem »an sich an frühere Autoritäten anklammere, die von den späteren Vorschriften noch nichts wußten. Das wäre eher ein Rückschritt denn ein Fortschritt zu «ei nen. Man hält zwar den Zusammenhang mit der Vergangenheit aufrecht, indem man die geschichtliche Entwicklung t»ek Judentums zu Rate zieht, aber man lhnt, was die frommen, einsichtigen weisen Männer von Mose bis auf unsere Tage immer für ihre Pflicht gehalten haben, man löset und

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