Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1890)
- Date
- 1890-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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99 möchten, wie abermals der Schulchan-aruch will. So könnte ich noch tausend andere Beweise bringen, wenn ich auch auf die anderen Codizes übergehend, nicht fürchten müßte allzubreitzu werden. Eines jedoch weiß ich sicher, nämlich, daß die Herren, die sich das Recht vindiziren, ausschließlich sich Juden nennen zu dürfen, dem klaren Paragraphen des Schulchan-aruch tagtäglich ins Gesicht schlagen, denn dort heißt es: Juden dürfen ihre Streitsachen vor kein nichtjüdisches Forum bringen, selbst wenn dasselbe in der betreffenden Streitsache, gerade so wie das jüdische Gesetz urteilt! Halten die Herren Orthodoxen sich an diese Vorschrift?" Jedoch abgesehen davon, liegt es ja vor aller Augen klar, daß die Orthodoxie heutzutage dem Zeitgeiste viele Conzessionen gemacht hat, ja daß sie nun nur von vor den Augen liegende» Thatsachen zu sprechen, mit Paragraphen der Gesetzesordnung nicht nur sondern auch mit Lehren der Bibel in Conflict gerieth. Uni nur von Vielem Einzelnes hervorzuheben, kehrt man sich hierzulande nicht an die Paragraphen des Schulchan-aruch, in welchen verboten wird, daß unverheiratete Lehrer an Mädchenschulen wirken, und läßt im Gegensätze zu den Vorschriften der Bibel bei Chanukafesten erwachsene Mädchen in Knabencostümen und erwachsene Knaben in Mädchencostümen auftreten. Auch müßten ja im Gottesdienste Chor und deutsche Predigt und Alles, was darum und daran ist, wie Orna.t und dergleichen als Nachahmung nichtjüdischer Sitten in diesen Kreisen verpönt sein. Man ersieht aus diesen einzelnen Fällen, daß die. Orthodoxie hierzulande nur das um ein Jahrhundert zurückgebliebene Judentum darstellt, der wir darum ohne Gefahr für den Bestand des Judentunis eine führende Rolle nicht anweisen dürfen- An einer anderen Stelle giebt auch Herr Dr. Stern die Unhaltbarkcit der Theorieen wieder zu auf welchen die Orthodoxie ruht, flüchtet sich aber zu dem Satze, den wir schon eingangs unseres Referates als unzulänglich bezeichnet haben. „Alles was ist, hat ein Recht zu sein", Herr Dr. Stern, dem wie er sich selber ausdrückt „das Judentum unabhängig von Zeit und Raum noch mehr .ist^ als die seinerzeit entstandenen oder offenbarten Schriften Bibel und Talmud" und der, von solchen Gesichtspunkten ausgehend, eine Wiedergeburt des Judentums bewirken will, steht auf einem viel zu geläuterten hohen geistigen Standpunkte, als daß er der heutigen das Judentuni ein Zerrbilde darstellenden Orthodoxie ernstlich mehr als ein blos äußeres Recht des Bestandes zuerkennen könnte, was aber durchaus für uns kein Grund und keine Veranlassung sein kann, wie wir bereits hervorgehoben haben, dasselbe auch geistig anzuerkennen. Es haben innerhalb des Judentums im Laufe seiner Geschichte schon viele falsche Richtungen eine Zeit lang, auf diesen Schein des äußeren Bestehens pochend, sich erhalten, um füglich unterzugehen und im Lichte der geschichtlichen Betrachtung als eine verfehlte Entwicklungsphase des Judentunis zu figurieren. Ist es nicht eine maßlose Verkennung des Judentums und seiner welterlösenden Ideen und eine Entsetzliche geistige Verirrung, wenn man sieht, wie das Gesetz üppig emporwächst und der Geist immer mehr und mehr verfällt? Die Uebung des Gesetzes, die in früheren Zeiten aus dem Streben nach Erlangung des jenseitigen Heiles hervorgieng, ist heute eine die innere Leere des religiösen Lebens nur schlecht verbergende Aeußerlichkeit geworden und in den heutigen Orthodoxen, — man halte sich nur die moderne pseudo-orthodoxe Jugend vor Augen — Bürger einer anderen Welt erblicken zu wollen, denen die irdische Welt mit ihren Freuden nichts gilt, nimmt sich geradezu lächerlich aus. Was in Bezug auf die von Cultur und moderner Bildung unberührten Ghettojuden der Vergangenhest sich sagen läßt» 9. Ai ,L