Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1890-05-01 · Heft 5 (1.5.1890) · p. Seite 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 5 (1.5.1890)
Date
1890-05-01
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969933-2969939--2892-2976573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 98 - gestellt, die Beachtung und Würdigung verdienen. Wir werden in unserem Referate über diese schätzenswerte Schrift es versuchen, die Eindrücke, die uns bei der Lektür« derselben geworden, wiederzugeben und da wir mit dem Herrn Verfasser, der den Motiven nachgieng, aus denen sich die Erscheinungen in der Gegenwart erklären lassen, nicht übereiiistiminen, unsere von der seinen abweichende Meinung in demselben mit zu Ausdruck gelangen lassen. Von Vorneherein aber willen wir betonen, daß wir mit dem im Vorworte aufgestellten Satze: „Was da ist, hat ein Recht zu existieren", nicht in dem Maße übereinstimmen, wie hn der Herr Verfasser gelten lassen will, denn geht man von demselben aus, so sieht uian wohl die Dinge wie sie sind, aber nicht wie sie sein sollten und wiirn dieselben auch das unbestreitbare Recht ihres Bestandes haben, so haben wir noch immer nicht die moralische Psticht, sie anzuerkennen. Auch das Böse exist ert ja und auch das anerkannt Verwerfliche, ohne daß es uns darum je einfollen würde dasselbe an Stelle des Guten setzen zu wollen lind es voll und gc nz anzuerkennen. Auch müssen wir, ehe wir auf den Inhalt des Buches näher »»gehen, konstatieren, daß die Species der Orthodoxie in Deutschland dem H:rrn Verfasser ganz und gar unbekannt geblieben zu sein scheint, denn sonst winden seine Urteile über dieselbe nicht so wenig den factischen Verhältnissen entsprechen, wie dies thatsächlich der Fall ist. Was sollen wir dazu sagen wenn H«rr I>i'. Stern schreibt: „Wo man das Leben der Orthodoxen packt, zeigt es. ne stachelige Seite der Entbehrung". Wir haben uns hierzulande vergebens nach dieser „stacheligen Seite der Entbehrung", nach jenem Zuge der Askese umgeseh:n, der noch i» der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts das charakteristische Zeichen eines frommen Inden abgegeben. Unsere heutigen sogenannten Frommen sind bei alleil weltlichen Lustbarkeiten obenan und gehe» allen durch die Zeit gebotmen liiateriellen Vergnügungen mit einem Eifer nach, der einer besseren Sache würdig wäre, um sich dann allerdings nebenbei auch durch in die Augen fallende Uebung von veralteten Bräuchen als echt orthodoxe Juden zu documentiercn. Es ist uns ferner auffallend, wie derselbe Herr Di-. Stern der, anknüpfend an die Sätze „die Gebote über manche Gegenstände schweben in der Luft, — die Gebote über andere Gegenstände erscheinen wie Berge, die an einem Haare chängen", hervorhebt, daß die heutige Orthodoxie consequenter. Maaßen fortfährt „neue Gesetzesberge an Haare zu hängen", an einer anderen Stelle hinwiederuni zu de», Schlüsse gelangen konnte, her zu seiner Ausführung in keiner Weise maßt, „daß nur die Orthodoxie das Recht hat, sich rechtgläubig zu nennen" obwohl er aus dem Gefühle des inneren Widerspruches heraus, der in diesen doppelten/ Behauptungen liegt, die sich gegenseitig aufheben, einschränkend hinzufügt, daß vas kein Vorzug oder eine Tugend wäre. Es ist ferner fehlgegriffen, wenn > der Herr Verfasser die Behauptung aufstellt, die heutige Orthodoxie steha auf dem Boden des Schulchan-aruch Es liegt dieser Behauptung eine völlige-Verkennung der factischen Verhältnisse zu Grunde. In einem in Budapest erscheinenden jüdischen Blatte wurde jüngst Folgendes niedergeschrieben: „Bür können Ihnen an der Hand des Schulchan-aruch beweisen, daß kein Orthodoxer sich dem Schulchan-arnch geniäß sein Leben eingerichtet hat. So habe ich noch keinen Orthodoxen gesehen, der an seinem deutschen Rock Schaufäden getragen hatte, wiewol derselbe vier Ecken hat und solche von Rechtswegen haben müßte, auch werden die allerivenigsten sich den linken Schuh, wie der Schulchan-aruch gebietet, zuerst anziehen und dann den rechten, ferner bemerkte ich n ich gar nicht, daß unsere Orthodoxen direct Leibgürtel tragen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.