Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1890)
- Date
- 1890-04-01
- Page
- Seite 91 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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— 91 — reichischen Abgeordnetenhause gestaltete sich die Debatte, namentlich durch die gehässige Rede des antisemitischen Abgeordneten Mrk, mehr zu einer Verurteilung des Antisemitismus. Es sprach der Herr Minister für Cnltus- und Unterricht Lh-. Freiherr v. Gautsch, obwohl er sonst bei der Sache blieb, auch kurze aber unzweideutige Worte der Abwehr gegen die Hetzrede Türks, wie man solche selten noch von einer Mimsterbank vernonnnen. Er sagte, es seien dies Tendenzen und Schlagworte, welche die Regierung auf das entschiedenste zurückweise, nachdem ihr Standpunkt die durch die Staatsgrundgesetze gekennzeichnete Gleichberechtigung aller Staatsbürger bildet. Im Uebrigen lag die Bedeutung der Debatten in den ausgezeichneten Reden der Herrn Abgeordneten Prof. ör. Zucker am 7. und Hl-. Dloch am 11. Februar, welche weithin über Oesterreich hinaus das lebhafteste Interesse erregten, weil sie das Lügengewebe des Antisemitismus in Fetzen zerrissen. Writloff nannte den Antisemitismus „eine Erbärmlichkeit ohne eine Spur von sittlicher Unterlage", Jacques sagte von dem Antisemitismus er sei der Apostolat der größten Herzensroheit und der tiefsten Unbildung. Kitter von Gniewosr rief den Antisemiten zu: „die Flagge, unter der Sie kämpfen ist nicht rein, sie kann nicht rein sein, denn jeder urteilt so von Anderen, wie er selber ist". — Herr Minister Graf fnofe in Wien erließ an die Behörden verschärfte Weisungen zur Verhütung antisemitischer Ausschreitungen. — Der Herr Abgeordnete Türk hatte trotz der Niederlage, die er bei Gelegenheit der Debatte über das neue Kultusgesetz in Wien erlitten, sich doch nicht abhalten lassen für die Petition der Antisemiten, in welcher ein Verbot gegen Einwanderung russischer Juden nach Oesterreich nach Art des amerikanischen Chinesen-Gesetzes verlangt wurde, einzutreten. Nachdem die Abgeordneten Dr. Kronawetter und Winterholler gegen die Petition gesprochen, wurde dieselbe abgelehnt. — Herr Gemeinderat Sigmund Wäger in Wien richtete in der „Presse" einen offene» Brief an Herrn Di'. Prir, den Bürgermeister der Stadt Wien, in welchem er seine in der „Neuen freien Presse" veröffentlichten Beschuldigungen gegen die städtischen Mittelschullehrer, die antisemitisch inficiert, den jüdischen Schülern den Besuch der Schule verleiden, von neuem aufnimmt und die Erklärung des Herrn Bürgermeisters im Gemeinderate, als wären die Angriffe ungerechtfertigte, aufs entschiedenste zuriickweist. — Herr A. Lhr. Ieffen in Wien schreibt in den „Freie pädagogische Blätter" gegen den Antisemitismus in der Schule. Am Schlüsse heißt es: Ein solidarisches Einstehen für College», die einen geschworenen Eid brechen und das Gift des Glaubens- oder Racenhaffes, welches leider heute in einem breiten Strome durch die Massen fluthet, der Jugend in die Seele träufeln, wäre moralische Selbstbefleckung. Keine Gemeinschaft mit ihnen! Die Schule muß gehütet werden, auf ihrem Boden walte der coufessionelle Friede, wer sich unterwindet hier den Samen der Zwietracht zu säen, de» treffe die Acht und Aberacht, er nehme den Stab und ziehe als Verbannter von dannen! — Fünfzehn orthodoxe Rabbiner unter Führung des Herrn Oberrabbiners K. Schreiber aus Kreßburg wurden in Budapest vom Herrn Kultusminister Grafen EMi empfangen. Ihre Versuche, eine Trennung innerhalb des Judentums in Ungarn herbeizuführen, werden kaum von Erfolg gekrönt sein. — Der Redakteur des Egynlösög hat den neuen Oberrabbiner von Frankreich, Herrn Zador Kahn, brieflich ersucht, sich darüber zu äußern, ob die orthodoxen und neologen Juden tatsächlich zwei besondere jüdische Confessionen bilden, wie dies von den Orthodoxen behauptet wird, -oder ob die Judenschaft trotz der verschiedenen Parteien eine einheitliche ist. Der Oberrabbiner hat dieses in hebräischer Sprache