Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1890)
- Date
- 1890-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 — keine Teilnahme, keinen Sinn und kein Verständnis hat für Israels Beruf und Geistesleben hat,!ist jetzt der Träger feines Namens, feiner Zukunft. WaS ist für die Wüste, deren Enden kein Wachstum hervorzubringen vermag, der Tau des Morgens, der die Saaten tränkt, und das Licht des Tages, das die Halme großzieht, die milde Kühlung, die der Abend über das Gefilde ausbreitet? Sie wird dennoch keine Frucht tragen und kein Wachstum Hervorbringen. Und was ist für Israel der Thau der Erlösung und das Sonnenlicht der Freiheit und der erfrischende Hauch eines neuen Lebensfrühlings, wenn es selbst zur Wüste geworden und der Boden, der stets so fruchtbar, so empfänglich gewesen für die Saat edlen Gottessinnes, nur mit Unkraut bedeckt ist, das so noch besser gedeiht und noch weiter sich ausbreitet? Glauben wir denn, daß Israel die Macht und Freiheit, die es heute besitzt, nicht auch schon früher hätte haben können? Es hätte nur eines Wortes aus seinem Munde bedurft, um in den vollen Besitz derselben zu gelangen, es hätte nur, wie es heutzutage dies ungezwungen thnt. früher zu erklären gebraucht, daß seine Lehre ihm ein Gleichgültiges und Ueberflüssiges, ein Nebensächliches und Unbrauchbares geworden ist, um sofort aller der Rechte teilhaft zu werden, die die anderen Menschen auch besaßen. Kommt zu uns, laßt ab von euerer Lehre; und wir wollen Euch Alles gewähren, ihr sollt Fürsten, Herren und Ratgeber in unserer Mitte werden! Dieser Ruf ertönte mehr als einmal ank-Israel — und dennoch war ihm seine Lehre nicht feit, kieß er von seiner Tre« nicht ab. ' Seine innere Würde gieng ihm über alle Ehren, die von außen ihm angeboten wurden, und seine Geistesfreiheit wahrte es sich, wenn auch das Koch der Knechtschaft und Erniedrigung noch so schwer auf ihm lastete. Und nun wo ist sie hingekomme», diese Gesinuungshoheit, mese innere Würde und Festigkeit, die allen Prüfungen und Verlockungen gegenüber Stand hielt? Niemand hindert uns heute in dem Bekenntnis unseres Glaubens! in der Ausübung unserer Lehre, in der Pflege unseres Geisteslebens und da hatte man doch erwarten dürfen, daß im Lichte einer solchen Zeit Israel wie die Rose aufbliihen und wie die Zeder des Libanon Wurzel schlagen werde. Doch was geschieht? Das, wofür mau Jahrtausende geduldet, gelitten, geblutet hat, das wird, nachdem man es endlich ohne jede Beeinträchtigung besitzen und erhalten darf, ängstlich gemieden, verächtlich hinweggeworfen und der letzte Funke jüdischer Glanbenstreue in den Herzen, erstickt und in Asche gelegt. Sind wir frei? Haben wir das Selbstgefühl und die Selbstwürde, welche allein von innerer Freiheit zeugt? Nein! So lange wir unsere eigenen Geistesgüter verschmähen und verwerfen, weil wir mit ihnen nicht vor anderen glauben prunken zu können, so lange wir unsere eigene Lehre nicht achten, pflegen, lieben und verherrlichen, so lange sind wir es nicht. Wir müssen, um in Wahrheit frei zu sein, den Bann jmer knechtischen Selbsterniedrigung, der die Herzen noch immer umfängt, brechen! und wenigstens für das, was uns am Nächsten liegt, für Israels Geistesschätze dasselbe Verständnis;, dieselbe Teilnahme in uns erwecken, die wir für Dinge an den Tag legen, welche uns ferner stehen und deren auch bei Weitem -nicht!so bedürfen, nicht so wert sind. ' Dadurch, daß Israel, kaum nachdem es aus Aegypten ausgezogen, seinem Gotte in Verehrung sich nahte und vor Aller Welt davon Zeugnis gab, daß es ihm diene und treu sei, hat es feine rnd bewiesen. Auch wir tverden nur dann den Segen der in seiner wahren Bedeutung fühlen, wenn wir es nicht scheuen, Freiheit bekundet Freiheit für Israel offen für unsere Lehre einzustehen, mutig unseren Glauben zu bekennen, und treu