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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1890-04-01 · Heft 4 (1.4.1890) · p. Seite 77

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 4 (1.4.1890)
Date
1890-04-01
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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77 Ein Jahr war seit Israels Auszuge aus Aegypten dahingegangen, wiederum war der Monat Nissan gekommender einst die Botschaft der Erlösung gebracht, wiederum ein lebenweckender Frühling zur - Erdeherniedergestiegen. Was war's nur, was da von Neuem die Stämme Israels zlffammenrief, mit Freudenklängen die Herzen durchzog und eine höhere Weihe über die Seelen ausgoß? War es die Erinnerung an das große Erlösungswerk, das in seiner Mitte sich vollzogen, was am ersten Jahresfeste seiner Freiheit eine solch' begeisterungsvolle Stimmung in Israel hervorrief? Doch nicht! Was sollten da die Gestelle» die Umhänge, die Riegel und die Säulen, die jetzt in der Mitte des Lagers sich zusammenfügten'? Nun, Israel feierte wohl das Dankfest seiner Erlösung, aber es feierte es nicht etwa nur mit Worte», die die entschwundene Vergangenheit preisen, sondern mit Thaten. die dauernden Segen für die Zukunst stiften. Vollführt war das Werk, das der Freiheit ihre Vollendung, das der Wahrheit eine Heimat, das der Eintracht ihre Grundlage geben sollte und als Israel das zweite Jahr seit seiner Erlösung z» zählen begann, ani ersten Tage des ersten Monates des Monates Nissan, dessen Name für uns gleichbedeutend mit Licht und Heil, mit Frühling in der Völkerwelt, mit Morgen ans den Gefilden des Geisteslebens ist, da ward zum ersten Male ein Gotteshaus in Israel aufgerichtet, ein Zeugnis vor aller Welt, daß in Israel der Name des Einen und Ewigen stets bekannt und geheiligt wird. Ist das nicht hezeichnend, mahnend für alle Zeit, daß das erste Werk des freigewordenen Israels der Aufbau eines Heiligtums war? Wie konnte auch Israel sich selbst mehr ehren vor aller Welt, als wenn es Ehre darbrachte seinem Gotte, wie kann es sich selber mehr besteien und erhöhen, als wenn es frei seine Lehre bekennt und sich groß und unabhängig zeigt in seinem Glauben, in seinem Wirken? Ja durch die Errichtung eines Gotteshauses, das der Verehrung des Eine» und Ewigen geweiht war, hatte Israel erst bekundet, daß es nicht nur die Freiheit äußerlich erlangt, sondern auch in Wahrheit innerlich frei geworden ist, daß es nicht nur die Fesseln des Sllavendienstes gesprengt, sondern daß es auch das Schandmal der Geistesknechtschaft an sich getilgt, zu innerer Würde und Selbstachtung sich emporgerungen hatte. Die Weihe unserer Freiheit, das ist die Lehre, die da uns entgegentönt und ihren leuchtenden Glanz in unser Herz hineinstrahlt. Doch wie steht es in unserer Zeit um diese Lehre? Wenn wir uns die Wahrheit nicht verhehlen und die Thatsachen, so wie sie sind, in's Auge fassen, so müssen wir es uns gestehen, daß in deni Israel der Gegenwart, das aus dem Staube der Erniedrigung sich erhoben, das da sein Recht und seine Freiheit erlangt und zu einer Stufe des Ansehens und des Einflusses sich emporgerungen hat, die ihm eine ehrenvolle Stelle für alle Zukunft zu sichern scheint, doch eher Anzeichen des Verfalles und der Zersetzung sich bemerkbar machen, als solche der Blüte und des Aufschwungs. Mit welchen Hoffnungen, mit welchen steudigen Erwartungen blickte man auf diese Zeit, als am Anfänge dieses Jahrhunderts die Strahlen eines neuen Völkerfrühlings auch in das Haus Israel hineinleuchteten, die Schranken niedergeworfen wurden, die von allen Seiten es umschloffen, die Vorurteile sicst lichteten, die wie ein finsterer Schatten über ihm ausgebreitet lagen, und wie sind diese Hoffnungen getäuscht. die Erwartungen vereitelt worden, Das gottergebene, opferfreudige, geistesstarke Israel, das ungeachtet aller Leiden, die auf sein Haupt gehäuft wurden, in seiner Treue nicht erschlaffte, in seiner Hingebung nicht ermüdete, das ist dahin und ein Geschlecht, daS kein Gefühl und

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