Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1890)
- Date
- 1890-04-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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/ — 75 — »ach einem fernen Lande, das er ihm zeigen werde, auftrug, da durchzog er das reiche, üppige, schwelgerische Babylon und sah. wie die Menschen ohne jede Arbeit und Anstrengung dem mühelosen Genüsse, dem Leichtsinn, de» Freuden und Annehmlichkeiten des Lebens nachgingen; da hob er seine Hände zum Gebete empor und rief: „Herr, wenn ich über meinen künftigen Besitz eine Bitte aussprechen darf, so weise mir ihn nicht in diesem Lande an, wo man die Arbeit nicht kennt und nicht liebt." Als er von Phöniziens Bergrücken hernieder nach Palästina stieg, bemerkte er die Bewohner emsig den Boden bearbeiten, hier den Acker bestellen, dort den Weinstock behauen und überall die Hände geschäftig regen, da freute er sich sehr und rief begeistert aus: „Möchtest du, Gott, dieses Land, wo gearbeitet, das Leben nur durch unausgesetzte Thätigkeit erhalten wird, meinen Nachkommen zum Eigentum und Erbbesitz geben!"') Der Stammvater der Juden schon erbat sich nicht den ruhelosen Gewinn, sondern die strenge regelmäßige Arbeit als Segen für seine Nachkommen. Daß dieser Geist des großen Ahnherrn auf seine Kinder iibergegaugen und unter ihnen lebendig sich erhalten, das beweisen die gelungenen Satiren über den Trägen in den Sprüchen Salomons. Sie lauten: „Geh zur Ameise, Fauler, schau ihre Wege und werde iveise! Sie, die keine» Fürsten, keinen Bogt und keinen Herrn hat, sie bereitet doch im Sommer ihre Nahrung, sammelt zur Erntezeit ihre Speise. Wie lange wirst du liegen Fauler? Wann wirst du aufstehcn von deinem Schlafe? Ein wenig Schlaf, ein wenig Schlummer, ein wenig Händeverschränken im Liegen, da kommt wie ein Räuber deine Armut, dein Maugel wie ein Gewaffiieter."^) „Der Faule spricht: Ein Leu ist auf dem Wege, ein Löwe zwischen den Straßen, in der Mitte der Plätze könnte ich ermordet werden?)" „Die Thüre dreht sich um die Angel, der Faule auf dem Lager. Hat der Faule schon die Hand in die Schüssel gesteckt, so ist es ihm zu beschwerlich, sie zu Munde zu führen. Der Faule ist in seinen Augen gescheiter, denn sieben der Weisesten?)" „An eines Trägen Feld ging ich vorüber, an eines Unverständigen Weinberg, und siehe, in Nesseln war er aufgeschossen ganz und gar, es deckten Dornen seine Flächen und seine Steinmauer war verfallen. Da schaute ich das, nahm es mir zu Herzen, ich sah's und nahin mir die Warnung daraus: Ein wenig Schlaf, ein wenig Schlummer, ein wenig Händeverschränken im Liegen: da kommt wie ein Räuber deine Armuth, dein Mangel wie ein Gewaffneter." r>) Diese scharfen Tadel rechtfertigen das höchste Lob des Biederweibes.: „Sic hat das Brot der Trägheit nie gegessen?)" Höchst bemerkenswert ist es, daß Müßiggang und Trägheit oder Arbeitsscheu nicht minder tadelnswert und strafbar erklärt wird, wenn religiöse Gründe dazu als Vorwände mißbraucht welchen. Es heißt ausdrücklich: „Kein Mensch kann sagen: Ich kann essen, kann trinken, kann es mir wohl sein lassen, ohne daß ich mich niit Arbeit plagen und anstrengen muß, wozu diente denn das Gottvertranen, und was wäre die göttliche Fürsorge, die da sättigt alles, was lebt?' Das wäre ein sündiger Irrsinn; denn hat der Mensch nicht ehrlich und *) Ebendas, c. 39. s) Sprüche Salon», c. 6, 6—12. ■’1) Sprüche Salon». 22, 13; ■*) rbend. 26, 13-18; °) ebend. 24, 30—35; °) ebend. 31, 27. 7*