Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1890)
- Date
- 1890-03-01
- Page
- Seite 63 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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wichtige Rolle» welche die Israeliten heute in der Handels- und Finanzwelt spielen, ist das ganz natürliche Werk unserer Jrrtümer und unserer Leidenschaften, aber diese Erwägungen dürfen uns nicht vergessen lassen, daß der Israelit heute Bürger ist und Franzose wie wir. Ich kenne eine große Zahl'Israeliten, Männer der Litteratur, Gelehrte und Soldaten, deren Leistungen eine Ehre sind für unser gemeinsames Vaterland.Ich weiß, was mau ihnen vorwirft: man beschuldigt sie, im Vaterland Fremde zu sein. Darüber könnte man viel reden. Selbst wenn man annehnien wollte, daß unsere Mitbürger nur palästinensisches Blut in den Adern haben, müßte man den nioralischen Rechten Rechnung tragen, die ihnen eine Naturalisation verleihen, die ebenso alt ist wie unsere Geschichte. Aber ich glaube nicht an die Reinheit des palästinensischen Blutes. Was auch gewisse Doktoren sagen möge», ich bin auf Grund der Geschichte überzeugt, daß während der ersten christlichen Jahrhunderte in die jüdische Rasse durch Bekehrungen so viel lateinisches, griechisches, slavisches und gallisches Blut eingeführt worden ist, daß man die Ausdrücke „Semitisch" und „Jüdisch" nicht als gleichbedeutend ansehen kann. Es giebt unter den Juden, die als „Fremde" hingestellt werden, nicht blos gute Franzosen, sondern sogar echte Gallier. Wenn uns also die Philosophie nicht gebieten wiirde, sie zu achten, so würde es uns die Geschichte befehlen." Auch Herr Zadoc Kahn, der Großrabbiner des Konsistoriums der französischen Israeliten, erhob in einem Briefe an die Zeitungen nachdrücklich Einspruch gegen die Judenhetze auf der Boulangistenversammlung in Neuilly. Als Jude sei er betrübt und als Franzose müsse er darüber e» rothen, sagt der Großrabbiner, daß eine derartige Ausschreitung hundert Jahre nach der Revolution noch möglich sei gegen eine Klasse von Bürgern, die ebenso gute Franzosen seien wie irgend einer. Wonaisschau. Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Karlsruhe hielten Vorträge: Herr Prof. l)r. Ludwig Stein aus Zürich über „Jehuda Ha Levi als Dichter und Philosoph" und Herr Rabbiner Di'. Sondheimer aus Heidelberg über das Thema „Was hat Mohanied aus dem Judentum entnommen?" — Im Arbeiterbildungsverein in Thcmnih hielt Herr Redacteur Wiesenthal einen Vortrag über „die Geschichte der Juden in Sachsen". — Die Festschrift, welche Herr Oberrabbiner Di-. Horowih zum 125jährigen Jubiläum der „Chewra Kadischa" tn Erefrld verfaßt hat, bildet einen sehr schätzenswerten Beitrag zur Entstehungsgeschichte der jüdischen Geuieinde daselbst, die im Gegensätze zu den selbst kleinen benachbarten Orten neueren Ursprungs ist. Der erste Israelit, der aus Mors kommend, sich in Crefeld 1617 niederließ, war ein gewisser Jakob, der nach vier Jahren wieder sortzog. Etwas später finden wir den Glasmacher Salomon Amsels» Leo Abrahams und Lukas Hertz, von denen der erste zwei, die letzteren je drei Goldgolden Judensteuer zu entrichten hatten. Erst unter preußischer Herrschaft, seit 1702, beginnt ein etwas größerer Zuzug. Im Jahre 1780 finden wir hier l I jüdische Familien mit einer Seelenzahl von 70; die Namen der Familien sind im Stadtarchiv erhalten; darunter findet sich der Schulmeister, David Levi genannt; 1812 war die Seelenzahl auf 96 gestiegen. Im Jahre 1764 wurde die „alte" Synagoge errichtet, deren Baukosten 1400 Rthlr. betrugen. Zu derselben Zeit gründete man auch den „Jubelverein" dem anfangs die ganze