Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1890-03-01 · Heft 3 (1.3.1890) · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 3 (1.3.1890)
Date
1890-03-01
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969933-2969937--2846-2976525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

58 bar, der Mensch betrachtet dies an sich selbst nicht, und weil ursprünglich seine ganze Thätigkeit sinnlich ist, führt er irrig auch seine Seelenthätigkeit auf die Sinne zurück. Irrig ist's daher auch, die angelernte Geistesthätigkeit des Tiers auf dessen vermeintliche Seelenthätigkeit zurückzuführen. Alle sogenannte Gelehrigkeit der Tiere ist nachgeahmte und angelernte Menscheuthätigkeil. Was will dabei zur Erklärung das größere Gehin des Elephanten sagen? Man richtet ebensogut Flöhe mit minimalem oder fehlendem Gehirn ab. Wenn der Hund sich vor dem Stock fürchtet und zurückweicht, so denkt er nicht, sondern empfindet heimlich die früher, erhaltenen Schläge nach, die ihm wiederum drohen. Er fürchtet den Stock auch erst, nachdem er bereits geschlagen worden oder die das Schlage» nachahmenden Bewegungen gewahrt hat. Ohne solche Erfahrungen und die Wieder- . kehr sinnlicher Empfindungen fürchtet der Hund den Stock nicht. Das Tier denkt nicht. Das moralische Gebiet ist dem'Tiere fremd. Es weiß nichts von Pflicht, Recht und Liebe, von Ehre, Ehrgefühl und Ehrfurcht, nichts von Bescheidenheit, Freundschaft, Vergeltung und Dankbarkeit, denn es hat nur sich, seinen egoistischen Vorteil und sinnlichen Genuß im Auge. Die Beispiele von angeblicher Dankbarkeit bei den Tieren sind nur sinnliche Nachempfindungen der dargereichten Vorteile und Genüsse, oder die Hoffnung, solche wieder zu erhalten. Auch auf dem Gebiete des Geistes ist das Tier fremd. Es kennt nicht Wissenschaft und Kunst, nicht Religion und Moral, nicht Gotteserkenntnis, Gottesfurcht, Anstand und Sittlichkeit. Es sucht und nimmt alle Dinge, wo und wie es sie findet, und denkt weder an den Ursprung noch an das Recht des Besitzes. Das Vieh nimmt das Gras der Weide und weiß nichts von der Wolke, welche dafür den Regen, nichts von der Sonne, welche dafür Licht und Wärme giebt, geschweige daß es darüber hinaus an das Jenseits denken sollte, wo der Ursprung und die Urquelle von Allem liegt. Das Tier kennt nur sich, und den Andern wiederum nur für sich, kennt nur das Heute und hat keine Ahnung vom Morgen, kennt nur den Leib und hat keine Ahnung vom Geist; — und der Mensch sollte nicht mehr sein, äls das Tier? ' 1 Das Tier ist individuell nicht geschieden, sondern nur nach Arten; in derselben Art und Gattung unterscheidet sich nicht das eine Individuum von dem andern. Ein Ochs und Esel derselbe;! Art sieht aus wie der andre. Der Mensch aber ist individuell durch seinen Gesichtsausdruck, den Spiegel seiner Seele, geschieden. Zwillinge, deren Gesichtsausdruck für das gewöhnliche Auge schwer zu unterscheiden ist, weil sie unter gleichen Eindrücken geboren und erzogen wurden, unterscheiden sich dennoch durch ihren Geist und ihre Seele. In Entbehrung des Geistes haben Tiere auch keine andere Entwickelung, als eine leibliche. Ihr natürlicher Zustand bleibt derselbe, wie er geartet! ist, es sei denn daß Menschenknnst und -Hand diese Artung abändert, anders 4 gestalten und drcssire». Eine solche Dressur vererbt sich dann auch wohl auf die folgenden Geschlechter; es ist eben eine künstliche Umgestaltung der natürlichen Artung. Sonst aber bleiben selbst dressirte Hunde und andere Tiere noch dieselben, wie sie von Anfang waren'; abgesehen von der Dressur verändert sich ihre Natur nicht. Der Grund zur Abweichung der Haustiere von der natürlichen Art liegt oft auch in der Abweichung des menschlichen Hauses, der häuslichen Umgebung und Lebensweise von dem Leben der Tiere in der Wildnis und freien Natur. Das Tier hat nur seinen Leib und sein leibliches Leben; Streben 5 und Zwecke, welche davon abweichen und darüber hinausgehen, hat und kennt 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.