Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1890)
- Date
- 1890-02-01
- Page
- Seite 44 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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— 44 — auch auf die vielen Briefe ein, welche Auerbach geschrieben, und welche allein genügen würden, ihm einen hervorragenden litterarischen Platz zu sichern; er stellte dann den „unheilbaren Optimisten" Auerbach in wohltätigen Gegensatz zu den heute im Schrifttum? herrschenden Pessimisten und bekannte sich zur, Partei des Schwarzwälder Dorfgeschichtenerzählers, der „ideale Gesinnungen in-streng realistischer-Kunstübung" verkündete. Jedenfalls hat der Vortrag das Publikum für die zu erwartenden Veröffentlichungen aus Auerbach's Nachlasse erwärmt. — Am 3. Februar vollendet der Dichter Ludwig August Franckl in Wien, ein Vorkämpfer für die Ehre der Juden seinen achtzigsten Geburtstag. Möge sein Alter ferner ein glückliches und gesegnetes bleiben! — Äm 18. Dezember starb in Kudapest Herr Heinrich Deutsch, Direktor der Landeslehrer-Präparandie und Professor am Rabbiner-Seminar daselbst. An seinem Sarge schilderte Herr Rabbiner Dr. Kohn sein Leben und Wirken. Herr Prof. Dr. Sacher widmete dem Heimgegangenen Namens des Seminars einen warmen Nachruf. — Das „Vaterland" in Wien ist ganz entsetzt darüber, daß ein jüdischer Arzt zur Totenschau bei dem verewigten Fürsterzbischof Gangelbauer verwendet wurde. Zu seiner Beruhigung sei erwähnt, daß selbst im Mittelalter jüdische Leibärzte bei Kaiser und Königen, bei Bischöfen und Päpsten gerne gehalten wurden. Papst Bonifacius IX. erklärte sogar: jiidische Aerzte sind in der Ausübung ihres Berufes freundlich, wohlwollend und entgegenkommend, sie sind eifrig, den Armen und Bedürftigen beizustehen, sie drängen nicht auf Bezahlung und zeichnen sich durch ihre Tüchtigkeit aus. . Derselben Ansicht waren auch die Päpste Gelasius, Alexander VI., Leo X., Paul III., Julius III. Also, das „Vaterland" hat durchaus keinen Grund ungehalten zu sein. — Der scandalöse Prozeß gegen die herzlosen Auswanderungsagenten in Wadowire wird zu antisemitischen Zwecken von Judenfeinden arg aus gebeutet. Man bedenkt dabei nicht, daß die Seele dieses Treibens > der christliche Zollamts-Controlleur und Inspektor der Fremdenpolizei Marrell Iwanihki in Gswierin gewesen und daß die Mehrzahl der Ausgebeuteten Juden waren. Die jüdischen Agenten standen schon längst in Oswiecin außer Beziehung zu den Juden und waren gemieden und verachtet. — In der antisemitischen Gesellschaft in Wien ist ein großer Zwist ausgebrochen. Die „schwarzweißen" Antisemiten sind mit den feudal-klerikalen schwarzgelben Antisemiten schon seit Monaten verfeindet. Diese Veruneinigung hat am 14. Dez. im Vororte Wariahilf zu tumultuarischen Scenen geführt. In Mariahilf wollten die „Deutschnationalen", die Anhänger Schönerers, eine Versammlung abhalten, in welcher der klerikal-antisemitische Abg. Pattai wegen seiner Widerspenstigkeit gegen den deutschnationalen Papst Schönerer hochnotpeinlich gerichtet werden sollten. Allein die „Schwarzgelben" waren ihrerseits nicht faul, rückten in geschlossener Kolonne in das Versammlungslokal der „Preußen" und sprengten diese auseinander, worauf sie eine Siegeskneiperei veranstalteten. Als sie nun das Lokal verließen, kam es zwischen ihnen und de» Deutschnationalen zu Rar,' fereien, bei welchen die „österreichischen" Antisemiten Pattai und Vetter Rippenstöße bezw. Ohrfeigen erhielten; sogar das Messer spielte eine Rolle, indem ein rabiater Deutschnationaler mehrere Pattaianer sowie eine» Sicherheitsbeamten mit einem Dolche verwundete. — In Wien hielt Herr Baron Wnndi einen Vortrag über die Influenza, in welchem er auch sagte: Bei uns herrscht jetzt leider auch eine andere Epidimie, die viel gefährlicher ist als die oben geschilderte, nämlich eine geistige Influenza, die in Racen- und Klassenhaß ihren Ausdruck findet. Es ist eine Schande für unsere Zeit, welche so herrliche Errungenschaften