Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1890)
- Date
- 1890-02-01
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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30 den Psalmen: Sammler. Aus dem Wort Assaph ist dann der griechische Namen „Aisopos" gebildet worden*). Jedenfalls steht es unzweifelhaft fest, dgß zahlreiche palästinensische Fabeln und Parabeln nach Griechenland, Indien und Syrien gelangt sind und nach Anlegung eines neuen heimischen Gewandes in ihren Litteraturen Aufnahme gefunden Habens In der vorliegenden Sammlung nun, die zumeist aus talmudischen 'und midraschischen Werken geschöpft ifta), zeigen die weisen Nachkommen, daß sie in der „Kunst des Fabulirens" ihre Mutter und ihre Vorfahren in der Kunst der Gleichnisrede noch übertreffen. Die Parabelbildung der nachbiblischen Zeit schoß allzureich als eine überaus üppige Vegetation empor und erlangte an der Sonne glühendster Begeisterung für den Glauben und das altehrwürdibe Schrifttum eine gewisse Ueberreife. Da ward in sinniger Deutung durch Bild und Gleichnis aus der Schrift abgeleitet und in dieselbe hineingelegt, was die gläubige Seele als Auslegung, Erklärung, Schmuck und Zuthat unablässig spann und wob. Die Schriftauslegung bildete die hervorragendste Geistesthätigkeit, der alle Kraft und alles Talent dienstbar gemacht wurde. Die eingehendste Beschäftigung mit der Religionswissenschaft, ihrem unerschöpflichen Reichtum, ihrer anregenden Fülle und Tiefe, sollte für die trübe Gegenwart Ersatz bieten. Vor dem Glorienschein hoffnungsfroher Verkündigungen und Verheißungen wich alles Gewölk eines trostlosen Daseins. Die Phantasie war daher unablässig thärig, durch sinnreiche Verknüpfungen und Gedankenverbindungen, durch edle und fröhliche Zukunftsbilder, die sie auf dem Goldgründe prophetischer Vorschau gewoben, den Strahlenglanz der Vorzeit zu vergegenwärtigen, der ja in der Wirklichkeit verblaßt war. Es entstanden s o herrliche Phantasiegebilde und verklärten mit holdem Schimmer die dunkeln Schattenbilder und die düstere Stimmung in den Gemütern. Für alle Bedrängnis und Pein, für jedes Bedürfnis, jede Erfahrung, jede Lebensbeziehung fand die blühende Einbildungskraft Aehnlichkeiten und Vorbilder in den Schicksalen der Ahnen, in der Geschichte des gottbegnadeten Altertums. Aus solcher mit sinnenden! Geiste und phantasiereicher Schaffenskraft Jahrhunderte lang geübten Deutung, Verknüpfung und Anwendung der zumeist kurz in Spruchform hingestellten Gedanken und Lehren der Bibel erblühen farbenfrische dem Gemüte und Herzen reiche Nahrung gewährende Gestaltungen in der Talmud- und Midrasch-Litteratur. Das Neue trug gewöhnlich das Siegel des Altertums, die Sentenz, Lehre, Moral oder Geschichte stellte sich in Gang und Zug als ehrwürdiges, aus dem biblischen Borne erfloffenes Produkt mit dem Gepräge der grauen Vorzeit dar. Die Allegorie insbesondere war lange Zeit vorwaltend, noch viele Jahrhunderte über bte| alt- und neutestamentliche Zeit hinaus. Sehr häufig ist die Parabel angewandt worden, deren religiöser oder moralischer Grundgedanke auf einem biblischen Wort oder Spruch basirte. Bekanntlich war ursprünglich der einfachste Ausdruck der alten Wahrheiten und die natürlichste Form der Morallehren: der Spruch. Die ältesten Weisen haben Gesetze, Lehren und Rechte in kurze Worte oder Sprüche gefaßt, ich erinnere an die sthn Gebote der Israeliten, die zwölf Tafeln der Römer, an *) Die , Jdentificirung Aesops mit dem Seher Assaph (II. Ehr. 29, 30) findet sich schon bei Schud eomp. hist. jud. a 1700. *) Ein druckfertiges Manuskript des Verfassers. i