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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1890-02-01 · Heft 2 (1.2.1890) · p. Seite 29

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 2 (1.2.1890)
Date
1890-02-01
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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29 geringwertig in deinen Augen, denn durch dasselbe blickt der Mensch in die Tiefe der Lehre." — Solche Wertschätzung des bildlichen Gedankenausdrucks ist nicht nur beliebt gewesen, sondern sehr übertrieben worden. Im Allgemeinen gilt vom Gleichnis dasselbe, was die Syntax in Bezug auf Tropen und Figuren lehrt. Bei Anwendung derselben tnuß Vorsicht gebraucht werden; am Unrechten Orte oder falsch gebraucht, wird der Styl überladen und ermüdend. Man darf nicht vergessen, daß die Bildersprache anfangs nur aus Armut d. h. wegen Mangels am passenden sprachlichen Ausdruck entsprungen ist, und später nur als Schmuck der Rede und zur lebhaftern Gestaltung des Vortrags beibehalten wurde. Jedes Uebertreiben und Ueberladen der figürlichen Darstellung ist daher wider den Geist jeder gebildeten Sprache. Die Gleichnisreden haben oft des Guten zu viel gethan, und statt durch die Bilder lebhafter zn veranschaulichen, ist zuweilen durch deren Ueberfülle unter der dichten Umhüllung die Kraft des Gedankens selbst nur undeutlich zum Vorschein gekommen. Trotz der Mängel aber, an welchen die Parabeln der Mehrzahl nach leiden, bleiben sie doch treue, cultstraeschichtlich nicht zu unterschätzende Spiegelbilder der Zeit, in welcher sie entstanden, und für alle Zeiten höchst anregende Gedankenbilder für Religion, Moral und Tugend. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß viele bedeutende Schriftsteller bis in die neueste Zeit hinein, ich meine Herder, Wettstein, Wünsche, Grimm, Gellerteine große Anzahl der jüdischen Parabeln teilweise auch als Parallelen zu den Gleichnissen der Evangelien, gesammelt haben. Auch in die alten Litteraturen gingen nachweislich viele der hebräischen Gleichnisse über; wie andererseits die alte homiletische Litteratur auch fremde Parabeln usid Fabeln so umgearbeitet und verwertet hat, daß sie sich wie echte heimische Sprößlinge ausnehmen. So die bekannte Fabel, mit welcher ein Weiser (Rabbi Josua) die aufgeregte Volksversammlung beschwichtigte, welche empört darüber war, daß Kaiser Hadrian sein Versprechen, den Tempel wieder zu erbauen, zurückgezogen. „Einem Löwen, der gierig seine Beute verschlungen hatte, blieb ein Knochen im Halse stecken, da versprach er demjenigen eine große Belohnung, der ihm den Knochen herausziehen würde. Es meldete sich der Nilreiher; bereitwillig steckte er seinen langen Schnabel in den Rachen des Löwen und brachte den Knochen glücklich heraus. Nun begehrte der Reiher den versprochenen Lohn. „Was? Lohn verlangst du noch?" rief der Löwe „Ist es nicht genug Ruhm für dich, daß dein Hals im Löwenrachen gesteckt und unversehrt davon gekommen ist?" Seid froh, daß ihr aus dem Löwenrachen Hadrians befreit seid und verlanget nichts weiter, war seine Lehre an die erregten Genossen. — Diese Fabel findet sich schon bei Babrios*), der einem Wolf von einem Kranich den Knochen herausziehen läßt und scheint durch die Sage vom Trochilus, der dem Krokodil die Blutigel aus dem Rachen holt, entstanden zu sein. Dennoch sind nachweislich diese wie zahlreiche andere Parabeln und Fabeln, denen wir in veränderten Formen und Wendungen in den fremden Litteraturen begegnen, hebräischen Ursprungs'). Die Comentatoren des Koran') lassen ferner Lokman, den arabischen Fabeldichter, seine Weisheit im Lande der Juden erlangen. Bon da stammen auch, nach dem Resultate der heutigen Forschung, die Fabeln des Aesop. Dieser ist keine geschichtliche Person, sondern wie etwa Eulenspiegel eine Personification der Fabelsammlung und bedeutet so viel wie Assaph in ‘) F. 94 Halm 276. *) Landsberger: Sophos Einleit. V Sura 31, 11.

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