Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1890)
- Date
- 1890-02-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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27 nafter Wirklichkeit zur Erscheinung, die uneigentliche oder bildliche Form unter der Hülle eines Bildes oder Gleichnisses, wobei der wirkliche Gedanke erst ausgesucht, der Sinn aus dem Erzähltes oder Dargestellten abstrahirt werden muß — haec tabula docet. Die Gleichnisse und Fabeln haben gleich den poetischen und rednerischen Figuren den Zweck^dumch Versinnlichung die Anschaulichkeit des Gedankens zu steigern. Was die Tropen und Bilder beim Gedankenausdruck, die Beispiele bei den Regeln, das sind die Parabeln und Fabeln hinsichtlich wichtigerer Lehren und Sentenzen, die einer größeren Beachtung gewürdigt werden sollten. Ein neuerer Philosoph kennzeichnet die Parabel als Gleichung, von der das eine Glied gegeben ist, das andere gefunden werden soll. Gegeben ist das Bild, zu finden ist der Sinn. Parabeln sind also, sagt er, Sinnbilder, von denen das Bild gegeben, der Sinn auf gegeben wird. Unter dem ältesten Ausdruck für die Parabel „Mascha!" verstand man ursprünglich jede bildliche Forni: Sentenz, Spruch, Allegorie, Fabel, spater fast ausschließlich Gleichnis. Am meisten verwandt mit dem Gleichnis ist die Fabel, welche im Altertum gleichfalls mit großem Eifer cultivirt wurde. Ein Gleichnis, in welchem die Hauptfiguren aus der Tierwelt genommen sind, ist manchmal von einer Fabel schwer zu unterscheiden') doch wenn auch nicht immer in ber Form, so sind sie inhaltlich von einander sehr verschieden. Das Gleichnis hält sich im Bereiche des Möglichen und entwirft gewöhnlich ein nicht unwahrscheinlich klingendes Bild aus dem menschlichen Leben, die Fabel dagegen holt ihre Bilder aus der Tier- und Pflanzenwelt, unbekümmert um die Mö glichkeit des Erzählten?) Das Gleichnis wurde schon in der alttestamentlichen Zeit, mehr aber noch in den neutestamentlichen und talmudischen Schriften angewendet, am häufigsten aber ist diese Gattung figürlicher Redeweise in demspätern jüdischen Schrifttum, in der unter dem Kollektivnamen Midrasch bekannten Exegese vertreten. Da wird unablässig wie bei Rätselaufgaben an die Findigkeit der Hörer oder Leser appellirt und ihr Interesse in Spannung gehalten, um so gewissermaßen spielend die moralischen und religiösen Gedanken, die berrlichsten Sentenzen als Nutzanwendung oder als Epimytien in die breite Masse des Volkes anschaulich und leichtfaßlich dringen zu lassen. Mit einem der herrlichsten Gleichnisse führt sich, so zu sagen, dieser Litteraturzweig in die Poesie ein. Es ist die erste Parabel im alten Testament, die. nicht blos mit einer moralischen Nutzanwendung schließt, sondern auch auf den Hörer tief ergreifend einwirkt. Nämlich die bekannte bildliche Erzählung vom reichen Manne, der seiner Schafe und Rinder schont und das einzige Schoßlämmchen des armen Nachbars raubt, um seinem Gaste davon ein Mahl zu bereiten. „Ein Kind des Todes ist der Mann, der solches gethan!" rief der König in sittlicher Entrüstung. „Du bist der Mann!" entgegnete der Prophet Nathan gelassen und David verstand den Wink, bevor der Prophet deutlich auf sein Verbrechen gegen Bathseba und ihren Mann Uria hingewiesen. Im alten Testament sind uns aber von den, wie es scheint, zahlreichen Parabeln und Fabeln, die zur Zeit im Volksmunde gelebt hatten, nur verhältnismäßig wenige erhalten. *) 2 Sam. 12. 1 ff; Hesek. 17, 1 ff. 2) Richter 9, 8-15, 2 Kön. 14,9 sind Fabeln, doch 2 Sam. 12, 1—6, ist ein Gleichnis. 3*