Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1890)
- Date
- 1890-02-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 26 Die hochselige, tiefbetrauerte Kaiserin Augusta, deren entselte Hülle heute zur letzten Ruhestätte geleitet wird^ war nicht nur die erste Fürstin, sondern auch die erste Wohlthäterin des Reiches. Sie überstrahlte den Glanz der höchsten Ehrenstellung, die neben höchstihrem verewigten kaiserlichen Gemahl ihr verliehen' war, durch die großen Tugenden ihres edlen Herzens. Sie stieg vom Throne zu den Armen und Hilfsbedürftigen hinab, um ihr gebeugtes Gemüt aufzurichten und ihnen in ihrem Kummer und Leid Trost und Hilfe zu bringen; sie suchte die Kranken auf ihrem Schmerzenslager auf, sie nahm sich der Wittwen und Waisen an und widmete ihr erbarmungsvolles Herz und ihre Polle gnadenreiche Theilnahme allen Werken edler Wohlthätigkeit und Menschenliebe. Die Wunden, die, ein blutiger Krieg geschlagen, zu heilen, das Elend, das er zurückgelassen, zu lindern, war der Gegenstand ihrer eifrigste» Fürsorge, ihrer unausgesetzten Thäjtigkeit. So hat sie den glänzenden Siegen, durch die die Macht und Größe Des Vaterlandes begründet" wurde, tticht minder glänzende Siege werkthätiger Menschenliebe hiuzugefügt und herrliche Schöpfungen des Friedens begründet, die weit über die Grenzen des Reiches hinaus ihren Segen verbreiten. Ihr Andenken bleibt ein gesegnetes. Hleöer die Hkeichnislilteralur des Altertums. Vortrag gehalten im Hennebergischen altertumsförschenden Verein zu M ein ing e n. Von Di-. M. Dessauer, Herzoglichem Landrabbiner. Hochgeehrte Zphörer! Die alte religiöse Litteratur war vorzugsweise eine didaktische, lehrhafte, daher keine Kunstdichtung, sondern zumeist Volkspoesie. Zwar prägte der Nationalgeist »er meisten alten Kulturvölker sich zunächst in einer volkstümlichen, ungekünstelten und naturwahren Dichtung aus doch die alte hebräische Poesie hatte fast ausschließlich einen didaktischen Charakter und stand im Dienste der Moral, Religion und Ethik. Daher die auffallende Hinneigung jur Spruchweisheit, zur bündigen, gemeinverständlichen Sentenz. Die schwungvolle Rhetorik der Propheten,! die historisch-poetischen Stücke, die Lieder, die lyrische Poesie der . Psalmen, die Spruchweisheit wie die poetische Prosa der Evangelien, alle diese alten Litteraturerzeugnifse haben als Hauptzweck'zunächst den Lehrerfolg im Auge gehabt. Aus den kunstvollem deten Darstellungen, wie aus den einfachsten Formen leuchtet der sittliche Ernst hervor und der Verfasser vornehmstes Streben, auf ihre Hörer oder Leser veredelnd, bessernd und läuternd einzuwirken. Die Gattung, mit welcher ich Sie heute unterhalten will, nimmt wohl in der Litteratur, was Iden praktischen Wert anlangt, eine geringe Stelle ein, doch entbehrt sie nicht, besonders in ihren besseren Produkten, eines hohen Reizes und verdient auch wegen ihres tiefen Eindringens in das Weben und Walten der Volksseele und jhre^ Bemühens in kräftiger volksthümlicher Form, ethische Kerngedanken zu verbretten, in hohem Maße unsere Beachtung. Ich meine die Fabel und Parabel; vorherrschend aber in der alten religiösen Litteratur, besonders in dem späteren Schrifttum ist die Parabel, das Gleichnis. Die Form der Gedankenäußerung kann nämlich eine doppelte sein: die eigentliche und uneigentliche. Die eigentliche bringt den Gedanken in