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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1890-01-01 · Heft 1 (1.1.1890) · p. Seite 7

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 1 (1.1.1890)
Date
1890-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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in Amsterdam, dessen Schiffe bis nlach Indien segelten. Als Simon aber herangewachsen war, nahm eine andere sein Herz gefangen. Es war ein armes Mädchen, Darka Barileff. Ihre Eltern besaßen eine elende Schenke in der Vorstadt draußen und einen kleinen Acker. Auf diesem Acker hatte Simon das schöne kräftige Mädchen mit den« Leib einer Judith und dem Hilden, von rotblonden Flechten gekrönten Haupt einer Ruth das erste Mal getroffen. Er war mit seinem Schne Luchot Haberith hinausgegangen in die Felder, um sich in den Geist der Kabbalah zu versenken und sah Plötzlich das jüdische Mädchen, das hinter dem Pfluge ging, vor den ein kleines! mageres Pferd gespannt war. Da warf er den kostbaren Bänd weit von sich, ergriff den Pflug und setzte die Furche fort, welche Darka begonnen hatte, und als die Arbeit gethan war, saßen sie auf dem Feldrain und sprachen zusammen ernst und verständig, während sie aus Feldblumen einen Kranz wand, und zwischen ihnen blühte unsichtbar eine Wunderblume auf, die Blume der Liebe. Der alte Rabbi erinnerte sich auch des Tages, wo es zu der verhängnisvollen Auseinandersetzung mit seinem Sohn kam, er sah ihn in diesem Augenblicke vor sich mit seinen leicht geröteten Wangen und seinen leuchtenden Augen. Jedes der harten Worte, die er damals im Zorn herausgestoßen, war noch in seinen! Gedächtnis geblieben, und ek hörte in dieser einsamen Stunde der Verlassenheit noch einmal die Antwort seines Simon, der ruhig und ehrerbietig, aber mutig und begeistert wie ein Prophet sprach: „Der Jude," rief er zuletzt,! „hat sich die unglückliche Lage, in der ersieh heute noch in den östlichen Ländern besuchet, nicht selbst geschaffen, er wurde durch seine Verfolger in bisherigen, finsteren Gassen des Ghetto gesperrt, und von jeder Arbeit, jedem anderen Beruf ausgeschlossen, gezwungen, sich ausschließlich dem Handel zu widmen. Es ist aber unsre Schuld, wenn wir heute diese zweite babylonische Gefangenschaft verlängern, die Ketten sind gesprengt, die Schranken gefallen. Wer es mit seinem Volke, seinem Glauben ehrlich meint, der verlasse diese finstren Winkel, ijn denen nur ein kleinlicher engherziger Geschäftsgeist zu blühen vermag, oder eine düstre, grillenhafte, unfruchtbare Wissenschaft. Heute liegt das Feld der geistigen Arbeit offen vor uns, offen jede Art menschlicher Thätigkeit. In Odessa haben erleuchtete Männer unsres Stammes sich an die Spitze einer Bewegung gestellt, welche den Juden vor allem zur Landwirtschaft, zum Ackerbau zurückführen soll, welche das Volk Israel im gelobten Lande glücklich und mächtig gemacht hat. Ich will nicht mein Leben bei den'Büchern versitzen, ich will nicht handeln und feilschen in einem dumpfen Gewölbe, ich brauche Licht und Luft und ich will selbst nieinen Acker bestellen wie Boas." Der Vater blieb seinen Bitten verschlossen wie seinen Gründen, und als der Hohn bei seinen! Entschluß beharrte, hatte er schon den Fluch auf den Lippen, aber er sprach ihn gottlob nicht aus. Dieselbe Nacht hatte sein Sohn die Stadt verlassen, und Darka war mit ihm geflohen. Seither, seit mehr als zehn Jahren hatte man nichts mehr von ihm gehört. Die Lampe brannte trüber, der Nebel um ihn wurde dichter, seine Augen schienen zu erlöschen. Der alte Rabbi barg sein Gesicht in den Händen und heiße Thränen flössen über seine Wangen herab.!

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