Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Streben zu bezeugen und zu erhöhen. Der äußere Glanz und Prunk ist nicht das Licht, das auf die rechten Wege zu unseren Zukunstszielen uns Hinleitei-oder gar die Nacht des Hasses bannt, die mit ihren Schatten sich an uns herandrängt. Licht muß es in uns selbst werden, die Lehre der Wahrheit muß als helle Tagessonne über uns erstrahlen, die Religion muß uns zur Geislesheimat werden muß uns in die Herzen und in die Seelen hineindringen, auf daß unser ganzes Thun von reinen Gesinnungen und von dem Geiste der Gottergebenheit geleitet sei, dann wird alle Finsternis in uns und um uns verschwinden, Israel wird seines Bestandes sich würdig zeigen und auf dem Wege der Gerechtigkeit sein Heil finden, auf dem Pfade des Lichtes seinen'Ruhm und seine Ehre. MVKi Äödo». von Leopold von Sacher Masoch Die Sonne war untergegangen. Die Nebel des düsteren Winterabends breiteten sich langsam um die Türme und Dächer der kleinen Stadt, welche tief im Süden Rußlands zwischen wilden Waldrevieren, Sümpfen und Steppen verloren war. Der Sturm hatte überdies hohe Schneewälle aufgerichtet, welche die Menschen in ihren hölzernen kleinen Häusern gefangen hielten. Im letzten Abendstrahl schienen die Frostblumen an den kleinen Fenstern noch einmal in den Farben des Frühlings aufzublühen. Dann erlosch auch dieser armselige Schimmer, und graue, eintönige Dämmerung erfüllte das weite Gemach, in dem der greise Rabbi Abdon saß, vertieft in seltsame Gedanken und Erinnerungen. Die alte Magd kam leise herein, zündete die Lampen an und verschwand wieder, unbemerkt, wie sie gekommen war. Der Rabbi regte sich keinen Augenblick. Das flackernde Licht tauchte all die heiligen und geheimnißvollen Dinge, die ihn umgaben, die Gesetzesrollen, die Lederbände des Talmud, den Sohär, das Buch des Glanzes und den Jlan, den Baum des Lebens an der Wand, in eine Art Verklärung, aber der Greis sah sie heute nicht. Sein hagerer Körper in sich zusammengesunken, schien leblos, sein mit Runzeln bedecktes Antlitz erstarrt, nur die großen Augen verrieten, daß sein Geist noch nicht entflohen war- Er fragte sich in diesem Augenblick, warum er noch lebe? Er hatte ein gottesfürchtiges, tadelloses Leben hinter sich, und er hatte alle Geheimnisie der Kabbalah erschlossen, ihn erwartete die Seligkeit der Frommen und der große Lohn, welcher jedem zugesagt ist, der sich mit der Wissenschaft beschäftigt, die Gott selbst dem Adam überliefert haben soll. Was half ihm aber seine Frömmigkeit? Was hälf ihm sein Wissen? Er war allein, einsam in einer Welt, die er nicht verstand, verlassen, ohne Liebe, unter Menschen, die ihm nur mit einer heiligen Scheu und Ehrfurcht nahten. Was nutzten ihm am Rande des Grabes Gematria, Notarikon und Themurah, die Lehre, mit deren Hilfe man den geheimen Sinn entziffert, den Gott in die heilige Schrift gelegt? Was nützte es ihm, daß er in stillen Nächten den Urquell des Lichtes, des Geistes und des Lebens, den verborgensten der Verborgenheiten wie hinter einem Schleier sah? daß er im Menschen die Welt im Kleinen wie in einem Zauberspiegel betrachten konnte? j daß er mit den zehn Sephirot und den vier Welten vertraut war, daß die Engel bei ihm aus- und