Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1886)
- Date
- 1886-12-01
- Page
- Seite 280 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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— 280 — „Sind die Juden schlecht?" fragte man ihn! „Werden Sie von ihnen verfolgt?" Er gab verneinende Antworten, um keinen Vorwurf auf seine Glaubensbrüder zu werfen. Es war System in seiner göttlich geglaubten Sendung. Anknüpfend au die Urverbindung mit Gott, die Thora, hatte er dieselbe als Unterlage seines Wissens, aller geistigen Thätigkeit ausgenommen. Sie war ihm die PaNacee, das Arkanum, das philosophische Mittel, der Stein der Weisen, um allen Anforderungen, allen Bestrebungen gerecht zu werden. Aus ihr geht ja das ganze Leben wie ein Stück, unschuldig rmd tugendhaft und vollkommen hervor, sie ist ja der ewig sprudelnde Born der Unschuld und Poesie, und umhüllt das Leben wie mit einer schützenden Hülle gegen alle Kälte und alles Ungemach der Zeit. Sie ist ja das große Bor- und Musterbild der Welt, der große Plan, nach dem Gott das Universum ordnete. So vi«le Geschlechter auf der Erde lebten, sie sind nicht über sie hinweggekommen. S e erhält noch im Greisenalter jung und frisch, beschirmt mit Engelsfittigen das Dasein von der Wiege bis zum Sarge! Jahre vergingen., Arm und verstoßen pilgerte der mit der Gottessendung begabte Lehrer von Ort zu Ort. Seine Eltern waren schon den Weg alles Irdischen gegangen. “ Er hatte ihnen nur Kummer und Sorge gemacht. Keines seiner Ideale war befriedigt. Die Träume seiner Jugend waren wie ein flüchtiger Sommerhauch dahingeschwunden. Er stand allein, freundlos, lieblos. Aber sein Streben nach Göttlichkeit, nach Vollendung war geblieben. Er arbeitete rastlos am lauten Tage, bei stiller Nacht an Ergründung des großen Räthsels, vollkommen, gerecht und tugendhaft, ein Gottmensch, dazustehen inmitten des Taumels und Wirbels der Zeit. Was sind Jahre gegenüber diesem Streben? Hat nicht Jochanan ben Sakai vierzig Jahre der Sage nach in der Höhle gelebt, um das große Gottesräthsel zu lösen? Auch er würde sein ganzes Leben gern an die Lösung gesetzt haben! Die Juden sind praktisch. Sie wußten unfern Lehrer wohl zu verwenden. Sie behielten ihn als Lehrer in einer Gemeinde, solange, als das religiöse Leben in derselben der Anregung, der Belebung bedurfte. Niemand war befähigter es zu wecken, als der vim prophetischen Geiste erfüllte Lehrer. Er mußte dann mit seinem Rate weiter pilgern. Niemand ist verhaßter als ein konsequenter Prophet. Die Wahrheit hat nur Märtyrer. So sehen wir ihn endlich inmitten einer großen Stadt, seinem Berufe, seinem hohen Ideale erliegend, als eine verspottete, verkannte, verschrieene Gestalt von Haus zu Haus ziehen — durch seine philosophischen und religionswissenschaftlichen Kenntnisse ein karges Almosen zu gewinnen. Denn — ein , Almosen ist es, das die gottlose Welt einem Propheten hinznwerfen meint, während die leichtfertigen Weltgelehrten reichlich belohnt werden. Immer mehr dem Verfalle hingegeben, immer mehr sinkend, fällt der Lehrer dem Spotte der Menschen anheim. Zu stolz, seine Ideale, an die er sein ganzes Leben gesetzt, aufzugeben, fällt er im Kampfe mit der Welt, und deren grellen Gegensätze von Stufe zu Stufe. Er hat sein klares, hellsehendes Bewußtsein verloren. Nur inmitten der betäubenden Sinnesverdumpfung erwacht von Zeit zu Zeit wie ein flüchtiges Aufstrahlen himmlischer Ahnung das Bewußtsein und er stammelt vor sich hin: „Beobachtet meine Satzungen und meine Gesetze, welche der Mensch ausübt, und lebt durch sie!" Ihr aber, die iht gesetzt seid, zu' überwachen die Bildung und die Entwicklung der Lehrer Jftacls, beherzigt wohl die Lehre: Das Gesetz soll der Zeit ir,«kiBaäjLifcä ~tT I Iiifiiiiiiai