Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1886)
- Date
- 1886-12-01
- Page
- Seite 279 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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279 als großer Lehrer verehrt worden sein, wie Hillel und Schammai. Mer das Geschick verlangte einen gröberen Versuch. Das jüdische Gesetz ist ohne lebendige Erläuterung, Erklärung, Anpassung an Zeit und Umstände, wie jedes Gesetz, (das römische hat es nur zu gut im Mittelalter und bis auf die Neuzeit hin bewiesen) ein totes und tötendes Wesen. Daher war mit den jüdischen Gesetzgebern stets die Prophetie verbunden, vermöge deren sie im Namen Gottes stets das Gesetz den Zeitumständen anpassen konnten. Die prophetische Gabe war eine so natürliche, gewöhnliche in Israel, daß sie kein Aufsehen erregte, daß ihr Abhandensein wie ein Fluch aufgefaßt wurde. So spricht Jeremias es aus: „Und die Propheten gehen nach Wind, es ist kein Orakel in ihnen!" Selbst die starrsten Rabbinen, die bei der Abfassung des Talmuds wirkten, mußten ihre Gesetze durch den Machtspruch Gottes heiligen, und ihre Gesetze, wie von Gott ausgehend, ja, heiliger als die mysaitischen, betrachten lassen. Daher der Segensspruch: »Gelobt sei Gott, der uns geboten hat" auch bei rabbinischen Satzungen, wovon in der Thora doch nichts geschrieben steht. Die Worte des Talmuds werden dem Weine, diejenigen der Thora dem Wasser verglichen. Rabbi Akiba wird von den Talmudisten unendlich höher gestellt, -als Moses. Aus Allem geht hervor, daß eine göttliche Prophetie jedem Lehrer in jedem Zeitalter zugesprochen wird, und sie zu leugnen wäre von den Gesetzen Moses mit Ezechiel zu sprechen: „Ich habe ihnen Gesetze gegeben, die nicht gut sind, Satzungen mit denen sie nicht leben können!" Dieses Bedürfnis der Prophetie, die Verbindung mit Gott ist vorhanden. Me aber in unsrer glaubenslosen Zeit es zam Bewußtsein bringen? Der persönliche Gott, sein Wort, wie ein Mensch dem andern mitteilend, ist längst zur Mythe geworden. Im Spiritismus und Hypnotismus ist ein neuer Anlauf zur Gottesverbindung gemacht worden. Das Judentum verschmäht aber diese Art Verbindungen, iveil sie dem Mißbrauche unterworfen sind, wenn auch auf sie die Verbote der Totenbeschwörung und Zauberei im gesetzlichen Sinne nicht anzuwenden sind, da sie auf wissenschaftliche Gesetze des Magnetismus sich gründen, welche die Neuzeit erst entdeckte. Unser Lehrer faßte die Gottessendung mit innerem, instinkttvem Ahnen, mit jener hypnotischen Kraft des Menschen auf. Er machte sich zum Gefäße, zum Objekte, zum Medium, und ließ jeden, der mit ihm in Beziehung, in geschäftlichen oder freundschaftlichen Verkehr trat, die Rolle des Orakelbefragens bilden. Dunkle, geheimnisvolle Worte, oft im Gegensätze zu allem Hergekommenen. Hergebrachten, gingen wie Orakelsprüche aus seinem Munde hervor. Man ward irre an ihm, man schüttelte den Kopf. Die Gemeindevorsteher, unter denen er wirtte, sahen sich von unserem Lehrer zur prophetischen Höhe erhoben, wo sie doch nur Geschäftsmenschen und so nebenbei etwa Synagogenjuden sein wollten. Wollten sie sich nicht zu einem Verhältnis zwischen Orakel und Orakelbefrager verstehen, ko kam es zu Reibungen, zu Streitigkeiten, zu Prozessen zwischen ihnen und dem, wie von einer fixen Idee, die ihn gewaltsam eingenommen hatte, befangenen Lehrer. So eilte dieser von Stelle zu Stelle. Für einen Gotteshelden — keine Stätte hienieden! „Er lebet vergeblich, er wandert aus, Und suchet hienieden ein bleibendes Haus!" Nach wiederholtem Versuche bestand er eine Prüfung vor einer Kommission. Man nahm Rücksicht auf seine, einem gehetzten Wild ähnliche geistige Verfassung.