Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1886)
- Date
- 1886-12-01
- Page
- Seite 278 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969919-2969932--1828-2976443- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
278 jüdische Glaube, der in Phantasie die ganze Welt erfüllen zu können meint. Lächerlich ist das Schauspiel des über die Himmelsbetrachtung zur Erde stürzenden Philosophen — lächerlich aber traurig! Der Gegensatz, der grelle Widerstreit zwischen Ideal und Leben wird stets neue Opfer, neue Zielpunkte des Witzes und des Spottes der boshaften Welt erziehen; warum? weil es nötig ist, weil stets neue Kämpfer für das hohe Ideal auftreten müssen, weil die Welt, weil die Menschheit erzogen werden muß! Das unerbittlich konsequente Schicksal der Menschheit erwählt sich unaufhörlich neue Arbeiter für seinen Zweck. Das göttliche Reich hienieden ist nie vollkommen! Es verlangt stets, zu jeder Zeit, einen neuen Gesetzgeber, der aus einer höheren Quelle die Gründe und Antriebe seiner Gesetze gewinnt. So ist es — ja auch Moses selbst hat seinem Volke gesagt: „Ich werde einen Propheten, wie du bist, aus ihrer Mitte hervorstehen lassen, und werde mein Wort in seine» Mund legen, und er wird Alles sagen, was ich ihm auftragen werde " Und daruni muß es zu jeder Zeit Menschen geben, die der souveränen Menschheit, die da Niemanden irgend eine gesetzgebende Kraft zuschreibt, als ihrer Gesamtheit, > siehe Rousseau Oonti-at social) im Namen Gottes Gesetze giebt! So sagt Machiavel: „Und wahrlich! Es war nie ein großer Gesetzgeber in einem Volke, der nicht seine Zuflucht zum Gotte genommen hätte, weil anders seine Gesetze nicht angeommen worden wären; weil ein Kluger viel des Guten weiß, von welchem er nicht die augenscheinlichen Gründe besitzt, um Andere hiefttr zu zu gewinnen!" (Oise, sopra Mio Livio 1. 11.) Fortwährend muß diese Kette der Propheten und Gottesmänner fortgesetzt iverden. Was Metastasio von der treuen Liebe sagt: Sie ist ein Phönix, an dessen Vorhandensein Jeder glaubt, aber Niemand weiß, wo? Dasselbe läßt sich von dem wahren Lehrer Israels sagen. Er muß vorhanden sein, aber Niemand weiß wo? Wo ist er fragt die höhnende Menschheit, indem sie die Frucht seines göttlichen Strebens genießt und den Vermittler derselben'verkommen läßt! Unser Lehrer fühlt jenen unbezwingbaren, geheimnisvollen, göttlichen Lehrdrang in sich, diesen Drang, unter dem sich der Prophet Jeremias wand un» krümmte; „O, mein Inneres! mein Inneres! Ich fühle einen großen Schmerz! O, das Geheimnis meines Herzens! Mein Herz empört sich in mir! Ich kann dich nicht loskaufen! Denn meine Seele, du hast den Laut einer Trompete gehört! den Sturm des Krieges!" Es ist hier das Geheimnis jüdischer Geschichte. Betrachtet das jüdische Volk! Seine Natur, sein Wesen in ihm ist unverändert geblieben! Es ist noch dasselbe, zu dem Moses einst sagte: „Wisse, daß der Ewige dein Gott, dir dieses Land nicht zum Besitze gab wegen deiner Gerechtigkeit, da du doch ein hartnäckiges Volk bist!" Das Wesen eines Volkes bleibt überhaupt unveränderlich und paßt sich nur den verschieden Zeiten in denen es lebt, mehr oder weniger an. Das hat Moses der Gesetzgeber verstanden. Er behandelte das Volk wie es war, seinem Wesen nach. Er gab ihm seinem Wesen eigentümliche Gesetze, jeden Versuch aufgebeud, die Volksnatur auf einmal zu verändern. Gesetze gab er, die Leben haben, das heißt, die sich jeder Zeit, jeder Epoche, jeder Wissenschaft anschließen können und mit ihr sich umgestalten, und doch, wie ein Fels im Meeresgebraust, ewig bleiben. Christus richtete sein Reformwerk besonders auf die Natur, das Wesen des Volkes. Er wollte die Natur des Volkes verändern. Er ging unter! Würde er sich darauf beschränkt haben, die ewigen Grundgesetze des Volkes, die seinem Wesen so sehr angemessen sind, zu modernisieren, — er würde d % iclii.' „J'-jfajkUjÄalikSit.ikiUj« MMÜMiiÜ