Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1886)
- Date
- 1886-12-01
- Page
- Seite 277 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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*2*-~n || ii rwpi — 277 — leitet wird? Geht nicht der Jude blindlings, wie mit schlafenden Sinnen, den schwindelnden Pfad der Geschichte und spricht düster, wie unter geheimnißvollem Zwange, die großen Worte: Gott, Offenbarung, Erlösung, aus? Ö mangnetisierte Seelen, wann wird euer Schlaf endigen, wann wird die geheimnisvolle Kraft den Zauber von euch nehmen, und euch dem Wachen zurückgeben, der Freiheit? Etwa, wenn die ganze Welt von Erlösung, von Religion erfiillt sein wird, wenn der große Zweck erreicht ist? Unser Lehrerzögling hat ein trübes, dunkles Dasein zu fristen, inmitten der leichtlebigen, lachenden Genossen. Das Leben ist schwer, ist. ungemach, wenn man Ideale zu befriedigen hat, es ist spielend leicht, wenn man nur den Anforderungen der Welt Genüge leisten will. Es ist leicht, wenn man nur von dem Gegebenen, von dem durch jahrtausendlange Anstrengungen, durch die Arbeit der Geschlechter erhaltenen Fond an Bildung leben und zehren will, schwer, wenn man das Glück und den Fond der Menschheit wirklich vermehren will. Es ist leicht, wenn man nur scheinen, schwer, wenn man sein will! Ein Dichter will seine ganze Bildung und Existenz vom Beginne auf in sich selbst aufbauen. Entstehung Gang und Ziel der Weltbildung, er will sie vom Grunde auf auf's neue in sich verarbeiten und in geistige Gestaltungen einkleiden, — und darum erscheint er dumm, einfältig und schwach in den Augen derer, für die Alles fix und fertig ist, die das schwere Abmühen eines Weltbeglückers nicht ahnen. Wie ein neugeborenes Kind scheint der Geisteskämpfer umherzutappen, und steht doch höher als Alle, die ihn hochmütig und weise belächeln. Und so muß jeder Philosoph an das A B C der Menschheit anknüpfen, um wahrhaft die Welt und den Menschen zu verstehen. Er verschmäht es Nicht, vom Kinde zu lernen. Nichts ist ihm zu unwichtig. Aber der eitle Lebensmensch zuckt dariiber verächtlich die Achseln. So inmitten seiner Kameraden alleinstehend, wirst sich unser Lehrer ganz aüf sein Ziel, — alles Wissen und alle Kenntnisse in sich zu vereinigen. Wie herrlich wird die Erfüllung seiner Hoffnungen sein, wenn er endlich zum Durchbruche kommt mit seinem Vorhaben, wenn der Nebel um ihn her zerreißen wird und Alles beschämt'dasteht, ihn verkannt zu "haben! Ach, er weiß nicht, daß er hohlem Schattenbilde nachjagt! Das Schema alles Wissens ist der Form nach ich Geiste vorhanden, das ist wahr, aber die praktische Beherrschung desselben, djas Können, es läßt sich nur durch Anwendung) durch konventionelle Disziplin des Wissens erreichen. Und dazu muß man im Dienste der Welt erst Knechthienste thun, um ihr Begehr zu erfüllen. Die stolze Herrin Welt will nicht fion Philosophen und Propheten bedient sein, der geringste Mensch erfüllt ihre Wünsche oft am besten. Und so kommt es, daß unserem hoffnungsvollen Lehrerzögling keine Hoffnung in Erfüllung geht. Mit allem stolzen Wissen, das an der begeisterten Idee des Judentums, das einen so kosmopolitischen Geist einzuflößen vermag, genährt ist, kommt er nicht vorwärts und kann Hindernisse, die sich ihm entgegenstellen, nicht beseitigen. Wehe dem, dem das Geschick blindlings sein Loos zieht und ihn in chie kosmopolitische Sendung, die das Judentum hat, gestellt hat! Voll Ideal, vom weit gehendsten Lebensplane erfüllt, geht er träumend durchs Leben, und ergreift, wie im Wahnsinn, die höchsten Aufgaben, die er, bei der unglaublichen Kraft, die er in sich fühlt und die ihm das unendliche Weltbewußtsein vorschmeichelt, leicht erfüllen zu können glaubt. Der Glaube, der Berge versetzt, ist der