Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1886)
- Date
- 1886-12-01
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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275 kein Gedeihen fremden Menschenwohles bestehen kann. Ja wie einst unser Stammvater den Quellen/ die er wieder hervorgegraben, die Namen belassen hat, die sein Vater schon ihnen gegeben, so wollen auch wir die Quellen des Heiles, die, lange verschüttet, nun auf dem Boden einer neuen Zeit sich aufgethan Haben, mit den Namen benennen, die ihnen zukommen. Der Geist des Judentums, das ist der Zauberstab, der sie von dem Schutte, der auf ihnen so lange gelastet, erlöst hat; Recht, Freiheit, Gleichheit, das sind Schöpfungen, an denen das an dem Strome seiner Lehre großgewordene Israel keinen geringen Anteil hat. Laßt uns dies nicht verkennen, laßt uns über diese Güter stets wachen wie über unser Erbe und Eigentum und wir werden es mit Freude erkennen: Wo der wahre Gottesgeist herrscht, da gelangt die Freiheit zum Siege; wo Freiheit ihre Segnungen verbreitet, da hat Israel seine Heimat. Aus dem Leven eines Lehrers. Geküßt von dem Sonnenschein der Jugend und der Unschuld, von dem Traumeshauche idealer Gefühle umschwebt, ruht ein Jüngling, auf dem Rasen eines Gartens gelagert. Während sein Auge sehnsuchtsvoll in die Weite blickt, hast sein Arm ein Buch in schlichtem Ledereinbande umschlossen, —' ein einfaches Büch, doch für ihn eine ganze Welt voll Ideale, ein Buch geheiligt durch den Glauben einer ganzen Welt, durch ein Martyrium tausender Jahre, durch Leiden und Verfolgung. Es ist der Pentateuch, das Zeugnis Moses gegen und für sein Volk im Angesichte seines Dahinscheidens. Gegen es, wenn es den ihm angewiesenen Weg verläßt und auf Abwege ausschreitet, seinen Gott verläßt und Abgöttern dient; für es, wenn es seiner Sendung getreu, das himmlische Vermächtnis ehrend, seinen Gott über Alles liebt und ihm allein anhängt. Der Jüngling aber ist besttmmt, als Lehrer in Israel dereinst dieses Buch zu lehren und zu verbreiten, es an heiliger Stätte, wie im Leben zu bethättgen und zu vertreten. Von stiller, gelehriger Gemütsart, ist auf ihn das Auge seines Lehrers und seiner Eltern gefallen, er ist inmitten aller seiner Mitschüler und Kameraden erwählt worden, die durch Traditton in Israel vererbte Lehrsendung fortzusetzen, anzuknüpfen an jene lange Reihe der Schrift- und. Volkslehrer, die von Esrah oder noch früher von den Propheten ausgehend, Lehre und Wort und Schrift in Israel verbreitet haben. Welche wunderbare Gefühle sind es, die den Jüngling in diesem Augenblick beseelen! wie gewinnen doch diese toten Zeichen in seinem Buche Gestalt für ihn und scheinen aus dem Rahmen hervorzutreten und ihn rastlos in die Welt, in das Weite zu ziehen! Wie will er, seinem Berufe treu, dereinst predigen, reden und wirken und das über Alles verehrte Buch lebend von seinen Lippen inmitten jugend- und hoffnungsfroher Kinderschaar vernehmen lassen! Es ist eine wonnige Stunde, diese Weihestunde des künftigen Lehrers, dieses Kindes, dem Lehrer und Eltern noch die Gestalt seiner heiligsten Ideale annehmen, dem noch die ganze Welt eine Sinaistätte bildet, von der aus der Allheilige seine Gebote mit Allgewalt verkündet. Alles hört und lauscht andächttg diesen -lauten, durch die ganze Welt gehenden Worten, — der Vogel in den Zweigen, der Wanderer