Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1886)
- Date
- 1886-12-01
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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E>s' '.-.4:^ " ■ 4-'-- — 274 — haben nicht verloren den Glauben an die Menschheit, der ja dem Verlassenen so leicht geraubt wird und haben nicht vergessen die lichtvollen Verheißungen der Propheten, die der Wahrheit, dem Rechte und der Liebe den unausbleiblichen Sieg für die Zukunft verkündet haben. Und so wären wir denn endlich bei der dritten Wanderung Jsaks angelangt, die dem Fortschritte Israels in der Gegenwart entspricht. Von Sitnah zog er fort und grub einen anderen Quell, um den nicht mehr gestritten wurde, und er nannte ihn Freiheitsbrunnen, indem er sprach: Jetzt hat der Herr uns freien Raum verschafft und eine sichere Heimatsstätte haben wir auf Erden. Ja da, wo man den Segensquell der Religion nicht in einen Brunnen des Zankes und der Zwietracht verwandelt, wo der Friede, der jeder Glaubensmeinung das Recht ihres Bestandes zuerkennt, feine Segnungen ausbreitet, wo die Rechte des Menschen so gesichert und geschützt sind, daß sie als ein unantastbares Heiligtum gelten, da hat Israel seine Heimat, da kann es in Ruhe seine Wohnsitze aufschlagen. Ob auch lange verkannt und mißachtet, ob auch lange verfolgt und vervehmt, ob auch heute noch vielfach bekämpft und angegriffen, die Wahrheiten, die durch unsere Lehre schon vor Jahrtausenden verkündet, von unseren Stammvätern schon in ihrem Leben und Schaffen verwirklicht worden sind, haben in unserer Zeit doch immer mehr Anklang gefunden und in der Menschheit immer mehr Geltung erlangt, so daß sie nunmehr leben im Bewußtsein unserer Zeit, herrschen in den Bestrebungen und Einrichtungen der Menschheit, so daß nunmehr auch diejenigen auf sie sichstützen und berufen müssen, deren Wille und Gewohnheit es sonst nicht war. ihnen Einfluß und Anwendung zu gönnen. Unser Hoffen war nicht vergeblich, unser Dulden ist nicht unbelohnt geblieben und herrlich gieng auf deu Gefilden der neuen Zeit die Frucht der Gerechtigkeit auf, deren Saat Israel stets so treu gepflegt und gehütet hat. Was die Vergangenheit verschuldet, das hat die Gegenwart verbessert, was Jahrtausende versäumt haben, das hat ein Jahrhundert nachgeholt. Unser Vertrauen auf Gott hat uns nicht getäuscht, uusee Glaube an die Menschheit hat sich glänzend bewährt. Wo der Hauch der Freiheit weht, da ist unsere Heimat; wo der Geist der Eintracht die Herzen annähert, da sind wir nicht fremd. Unsere Aufgabe aber bleibt es fort und fort, den Wert dieser teuren Lebensgüter stets zu erkennen, zu erkennen die Segnungen, die sie in sich bergen für Israel wie für die ganze Menschheit. Wodurch aber könnten wir diesen unseren Beruf tiefer verstehen, treuer erfüllen, als wenn wir es erkennen, daß es Geist von unserem Geiste ist, der dies zu Tage gefördert, daß aus dem ewig frischen, unversiegbaren Quell unserer Lehre, deren Grundgesetz mit der Erinnerung an den Gott der Freiheit beginnt und mit dem Gebot der Duldung schließt, unserer Gegenwart eine solche Erleuchtung hervorgegangen ist? Ja, nur da, wo die wahre Religion zur Geltung kommt, wo der Mensch vor einer höheren Macht sich beugt, da wird die Selbstüberhebung, die die Wurzel aller Gewalt und allen Hasses ist, ihre Grenzen und Schranken finden; nur da, wo der Glaube an den einen Gott waltet, vor dem alle Menschen gleich sind, von dem alles in Weisheit und Liebe geleitet wird, da wird auch die Gleichheit des Rechtes sich über alle erstrecken, da auch in der Menschheit der Geist der Liebe und der Weisheit zur Herrschaft gelangen. Mit dem Abfalle von Gott hört auch die Gerechtigkeit unter den Menschen auf, mit dem Erlöschen der Religion, die den warmen Hauch des Mitgefühls in das Herz senkt. breitet sich nur die kalte Selbstsucht aus, in deren Nähe