Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1886)
- Date
- 1886-12-01
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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272 der soll ihm bleiben und nicht soll er gefälscht, nicht soll er verdrängt werden von denen, die sich den Duell wollen aneignen, ohne daß ihr Auge ihn entdeckt, ohne daß ihre Hand ihn geöffnet hat. Offenbart sich uns in diesem Zuge nicht eine herrliche Stammtugend Israels, die in dem Hause unserer Ahnen groß geworden? Ehrt nicht der Sohn sich selbst, der so seinen Vater geehrt? Der Brunnen lebendigen Wassers, den Abraham aufgegraben, der ist heute noch geöffnet, und ob man ihn gar oft hat verstopfen und zuschütten wollen, daß seine silberhelle Flut versumpfe unter dem trüben Staube, der über ihm aufgeschichtet liegt, dennoch haben ihn die treuen Nachkommen stets wieder geöffnet und frei gemacht, daß nur voller und frischer hervorbrachen die erfrischenden Wasser, die er in seinen Tiefen birgt. Gar manche haben diesen köstlichen Quell, aus dem Jahrtausende hindurch Erquickung des Geistes und Heilung des Herzens hervorfließt, in Besitz nehmen wollen, daß er nicht mehr Abrahams Namen führe, nicht mehr als Israels Eigentum erscheine, haben ihn mit dem Feldgeschrei „Unser ist dieses Wasser," aus dem Quell, der den Strom des Friedens über die Erde ergießen sollte, einen Brunnen des Zankes und der Zwietracht gemacht. Doch da, wo man die Religion fälschte, daß sie anstatt Liebe nur Haß gestiftet, daß sie zu Streit aüfgefordert hat und nicht zur Eintracht, da ist Israel gleich seinem Ahnen Jsak immer weitergczogcn und'hat stets nur den Quell als den seinen erkannt, der da ist ungetrübt und unvermischt geblieben und darum erquickende Labung zu spenden vermag dem nach Erkenntnis dürstenden Geiste, dem nach Friedrn schmachtenden GeMüte.. Den Sinn der alten Kunde von den Quellen, die Jsak gegraben, den sollen wir gar sorgsam erlauschen; ja nur Israel versteht es, dieselbe zu deuten, denn seine Geschichte ist ihre Erklärung. Als die Knechte Jsaks im Thale gruben, da, läßt zuerst die Kunde sich vernehmen, fanden sie einen Brunnen lebendigen Wassers, aber die Hirten von Gerar, die haderten mit den Hirten Israels, indem sie sprachen: „unser ist das Wasser" und man nannte ihn deßhalb Zankbrunnen, weil sie hier mit ihm gestritten hätten. Es war sein Besitz, es war der Brunnen seines Vaters Abraham, den Jsak gesucht, den er nunmehr gefunden hatte und dennoch kein unbestrittenes Recht darauf? dennoch Befehdung und Anfechtung von fremder Seite? dennoch Kampf und Anlaß zu Zwiespalt und Gehässigkeit? Es wird hier in sinnvollem Bilde uns gezeigt, wie die Lehre Israels schon in der ersten Zeit ihres Daseins, schon in den Zügen des Altertums, da sie noch wenig gekannt war und noch weniger verstanden werden konnte, mit der grimmigen Gehässigkeit und Scheelsucht zu kämpfen hatte, die ihr in den Weg trat und sie im Keime zu ersticken suchte. Der Brunnen, den Abraham gegraben, das ist die Religion, die Lehre von dem einen Gotte, von dem einen Rechte, von der einen Wahrheit, die er in seinem Hause gestiftet und begründet hatte. Was Wunder, wenn gegen diese Lehre, dieZmit den Lichtfunken, die von ihr ausgiengen, alle Götzentempel in Asche legte, sich überall das in seinen Grundfesten erschütterte Heidentum erhob und in den Kampf stellte? In Kanaan stand auf jedem Hügel eine Anhöhe, unter jedem Baum ein Altar, auf jedem Felde ein Standbild des Baals oder der Astarte, des Moloch oder des Kemosch; Abraham rief den Namen des einen ewigen Weltengottes an. In Aegypten waren die Fremden verhaßt, waren die Einheimischen in Stände und Kasten geteilt, waren unschuldige Menschen der Verachtung preisgegeben, weil sie zufällig nicht auf einer höheren Gesellschastsstufe sich befanden; Abraham betete für die sündhaften Sodomiten, öffnete den Saracenen sein gastliches Haus, stand ebenso würdevoll Malkizedek, dem Könige,