Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1886)
- Date
- 1886-12-01
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969919-2969932--1820-2976435- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Oratorium „das Hohelied Salomon's" wurde bald fertig. Löwe führte das Werk erst in Stettin auf, für alle, die es hörten, ein unvergeßlicher geistiger Hochgenuß. Die zweite Aufführung fand in Berlin statt. Herr Professor Ed. Grell 'dirigierte das Werk im Saale der Singakademie. Unter den Zuhörern stand im mittleren Gange des Saales der neue Vorsänger der Synagoge, Herr Lichtenstein. Er hatte seine Arme wie ein Betender über der Brust gekreuzt und warf von Zeit zu Zeit strahlende Blicke zur Radziwill'schen Loge hinauf, wo Löste saß und das Werk hörte. In dieser Stellung verharrte Herr Lichtenstein während der ganzen Dauer der Aufführung, mit unverhohlenem Entzücken den Schönheiten der einzelnen Nummern folgend. Beim Beginn des Schlußchores aber wurde er unruhig. Es schien als wenn eine innere Macht ihn sorttreiben wollte, während er doch auch wieder nicht im Stande zu sein schien, sich von der schönen Musik losreißen zu können. Er war das Bild Eines, dessen Geist im heftigsten Aufruhr, seinen Repräsentanten so zu sagen nach zwei Seiten hinriß. Dolce, in anmutiger Bewegung schmeichelt der Chor sich jeden Augenblick unwiderstehlicher in sein musikalisches Ohr ein: Mög' er ewig wiederkehren Deiner Liebe Hochgesang, Trost der Seele zu gewähren, Die da schmachtet lebenslang, Nach dem Einen ohne Fehle ■ Nach dem Bräutigam der „Seele! Mit des heil'gen Geistes Öle Salbt die Braut er wundersam, Daß sie freudig ihn erwähle Auf ihn hoffe, auf ihn zähle Glaubensvoll wie Abraham. Bis hieher hatte Lichtenstein sich umstricken lassen, aber nun setzte die Menge der Sänger mit einein k'ortc ein, das allgewaltig und gebieterisch seinem Schwanken ein Ende machen mußte: Christus ist der Bräutigam Und die Braut, die fromme reine Seine liebende Gemeinde! Getrieben von den Wogen des Chorals warf Herr Lichtenstein noch einen dunklen Blick nach der Loge hin, verbeugte sich tief uud war verschwunden, ohne daß der Schluß ein Siegel auf die herrliche Aufführung hat drücken können. -- Ptc Brunnen IfaKs Wenn das erste und umfangreichste der fünf Bücher Mosis, durch welches zunächst die Kenntnis unserer Lehre uns erschlossen wird, nur Lebensgemälde einzelner Menschen an uns vorüberführt, nur die Geschichte unserer Stammväter uns erzählt, uns berichtet von den Thaten und Erlebnissen der Adam, Sem, Noa, Abraham, Jsak, Jakob und Josef, so ist das ein nicht zu verkennender, nicht zu unterschätzender, nicht wegzuleugnender Beweis dafür, daß unsere Lehre,