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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-12-01 · Heft 12 (1.12.1886) · p. Seite 269

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 12 (1.12.1886)
Date
1886-12-01
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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— 269 — Ich gestehe, etwas Merkwürdigeres als den Gesang dieses Mannes habe ich nie wieder im Leben gehört. So mag wohl einst David vor Saul gesungen haben, wenn er den kranken Geist des Königs beschwichtigte. Von dem hebräischen Text verstanden wir Damen freilich nichts, dafür sprach der Ausdruck im Antlitz des Sängers zu uns, der sich bald in tiester, innigster Frömmigkeit, bald in der höchsten Begeisterung eines Lobpreisenden vox Gottes Thron emporschwang. Was der Mensch sich von einer Verherrlichung des Höchsten auf den Flügeln der Gesangkunst nur zu ttäumen vermag, das gab uns Herr Lichtenstein mit seinen nahezn unerschöpflichen Mitteln. Vor meinem geistigen Auge aber gestaltete sich allmählig der Tempel Salomonis, hervorstrahlend aus dem Nebel der Vergangenheit, wie die untergehende Sonne, wenn sie vor ihrem Scheiden noch einmal die Wolken umsäumt. Ich sah das Allerheiligste verhüllt mit dem Vorhang von blauem und rothem Purpur, Karmesin und Byffus und bedeckt mit den ausgebreiteten Flügeln der Cherubim, ich sah das Heilige mit den zehn goldenen Leuchtern und dem goldenen Rauchaltar. Vor dem Tempel aber ragten zwei eherne Säulen empor, mit dem Dach, das sie trugen, eine Halle bildend und verziert mit leichtem Kettenwerk. Und vor dem Altar des Herrn erschien die Gestalt des Königs Salomo's, wie er seine Hände ausbreitete gen Himmel und für ganz Israel zu dem Herrn flehte. Dann wieder war es bei dem wundersamen Gesänge, den ich vernahm, als entsttömte den Lippen Salomo's das Lied von der „Blume von Saron", der „Rose aus dem Thal von Engedi", der „Schönen Sulamit", wie sie an der Hand ihres göttlichen Hirten allen Herrlichkeiten des prächttgen Königs entsagt und, dem Bräutigam folgt, denn Liebe ist stark wie der Tod, ihr Eifer ist fest wie die Hölle, und ihre Glut feurig, wie eine Flamme des Herrn, das auch viele^ Wasser nicht mögen die Liebe auslöschen, und gäbe einer all sein Gut, er kaufle nicht Liebe dafür. Ich erwachte erst aus meinem Traum, als Herr Lichtenstein längst geendet hatte. Gleich anfangs hatte Papa ihn einigemal erstaunt angesehen, bis er ebenso wie die andern Zuhörer sich in tiefe Gedanken verlor. Als der Gesang verklungen war, erhob er sich und gieng immer noch schweigend an dem Sänger vorüber an seinen Schreibpult. Bald aber wandte er sich nach dem Sänger um, und ihm einen versiegelten Brief überreichend sagte er: „Nehmen Sie dies, lieber Lichtenstein. Geben Sie es in Berlin ab, und ich will von Herzen wünschen, daß sie die gute Stelle der dortigen Synagoge erhalten, denn ich wüßte nicht, wie ein Mitbewerber Sie übertreffen könnte. Ihr Gesang hat mich außerordentlich überrascht und einen Entschluß in mir zur Reife gebracht, den ich wohl längere Zeit gehegt, aber mir bis heute immer noch nicht ganz klar gemacht hatte. Während Ihres Vortrages trat die ganze Herrlichkeit des „Hohen Liedes" vor meine Seele, dieses Gedichtes von Gott selbst gemacht, wie Goethe sagt. Der Text liegt bereit da, ttotzdem schob ich seine Compositton hinaus. Nun aber hat sich Alles in mir gestaltet. Wenn wir beide es erleben, so sollen Sie bald von dem Oratorium hören. Reisen Sie glücklich!" Tief bewegt von seinem Gefühl der Dankbarkeit empfahl sich Herr Lichtenstein und noch längere Zeit drehte sich unsere Unterhaltung um seine GesangSweise, wie sie an Glanz und Reichtum des Geistes uns fast noch nie vorgekommen war.- r*

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