Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1886)
- Date
- 1886-11-01
- Page
- Seite 261 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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— 261 — kritische und wissenschaftliche Methode zu beobachten" und in der That läßt die ruhige und besonnene Objektivität, mit der der Verfasser in seinen Forschungen *u Werke geht, nichts davon merken, daß hiebei nur unantastbare, dogmatische Feststellungen ihm maßgebend waren. Diese Objektivität verläugnet sich sogar nicht in seiner Polemik gegen die rationalistische Auffassung der biblischen Urkunden, die er da, wo er sie an ihrer schwachen Seite getroffen hat, zwar zielbewußt aber doch immer nur mit den Waffen der Logik und der Wahrheit bekämpft. Die diesbezüglichen Argumente des Verfassers reichen allerdings nicht aus, die Bibelkritik überhaupt — die sich übrigens mit dem Glauben, „daß die heilige Schrift ein göttliches und inspirirtes Werk sei" ganz wohl verträgt — zu verwerfen, doch kann man nicht umhin, mit ihm zu erkennen, daß in der rationalistischen Schule an unerwiesenen Behauptungen, vagen Hypothesen und leicht hingeworfenen Urteilen so viel Bedenkiches in die biblische Wissenschaft hineingetragen worden ist, daß man alle Ursache hat, sie mit derselben ernsten Vorsicht zu prüfen, mit der man herkömmliche Meinungen aufnimmt, welche nur im tradiertem Glauben ihre Stütze finden. Die der Darstellung des Rationalismus gewidmeten Kapitel (S. 1—107) gehören, streng genommen, nicht in den Plan des Werkes und wollen auch vom Verfasser nur als Einleitung zu demselben angesehen werden, die uys indes in sachlicher Hinsicht vielmehr in der „einleitenden Skizze" (S. 109—162), in welcher uns der Verfasser in lichtvoller Darstellung mit der Geschichte der Hieroglyphen- und Keilschrift-Entzifferung bekannt macht, dargeboten wird. Einer sehr interessanten Wahrnehmung begegnen wir schon in der Vergleichung des biblischen Schöpfungsberichtes mit den kosmogonischen Lehren der Assyrer und Perser. „Die Assyrer," lesen wir (S. 164—165), „glaubten, wie die Hebräer, daß der Himmel zuerst geschaffen wurde, darauf die Erde ... ein Umstand, der an sich bedeutungslos ist, aber in Wirklichkeit unsere Aufmerksamkeit zu fesseln verdient. Wir haben bereits gesehen, daß es mehrere dreisprachige Inschriften der Achämeniden giebt, in persischer, medischer und assyrischer Sprache abgefaßt. Die assyrische Uebersetzung folgt im Allgemeinen Schritt für Schritt dem persischen Texte.... Man hat unterdessen bemerkt, daß Pas assyrische Zeichen, welchem v. Saulcy die Bedeutung von „Erde" beigelegt hatte, weil es seinem Range nach den, persischem Worte buwim (Erde) entsprach, nicht Erde, sondern Himmel bedeutet . . . Diese Verwechselung findet sich in allen dreisprachigen Inschriften wieder: wo nämlich im medischen und persischen Ormuzd der Vater der Erde und des Himmels genannt wird, ist in der assyrischen Uebersetzung die Ordnung konstant umgedreht und wird er der Vater des Himmels und der Erde genannt .... Ohne Zweifel geschah es, um die kosmogonischen Lehrsätze Chaldäas zu respektiren, wenn die assyrische Version der trilmguischrn Inschriften den Himmel vor die Erde setzt, wie es Oppert mit Recht bemerkt hat." Die von dem Verfasser adoptierte Vermutung Opperts, daß in den Religionssystemen, deren Spuren wir hier, antreffen, d«e Frage, ob der Himmel oder die Erde zuerst erschaffen wurde, ihre bestimmte Antwort gefunden hatte, erfährt eine glänzende Bestätigung durch eine alte haggadische Conttovetse, die selbst erst durch jene in den Inschriften bemertte Differenz recht verständlich wird. Es wird nämlich mitgeteilt (Chagiga 12», Gen. rab. C. 1, Tauchuma, Ed. Buber I, p. 15), daß die Schulen Hillels und Schammais über diesen Punkt geteilter Meinung waren. Lmtere verttat, sich auf Gen. 1, 1 berufend, die Ansicht, daß der Himmel vor der Erde geschaffen wurde, indem sie denselben mit einem Throne verglich, zu welchem die Erde als Schemel hinzukam, währenddem erstere aus