Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1886)
- Date
- 1886-11-01
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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249 . Das einzige Beispiel einer Zaubergeschichte in der Bibel ist die Beschwörung von Samuels Schatten durch das Weib zu Endor. Saul hat alle Zauberer aus dem Lande gejagt, er sieht sich nichts desto weniger durch Ironie des Schicksals genötigt, wider seinen Vorsatz von ihnen Rat und Aufschluß über die Zukunft zu erbeten. Aber von der Antwort des Schattens bricht der markige König entsetzt zusammen. Merkwürdig ist von jenem Vorgang die Erscheinung eines Zauberweibes. Die Zauberin von Endor ist also ein Beispiel für diejenige Art der Zauberei, welche von dem weiblichen Geschlechte ausgeübt wurde. Finden wir doch bei dm alten Griechen und Römern und vornehmlich während des Mittelalters Frauen als die hauptsächlichsten Vertreter alles Zauberwesens wieder. Bei den Griechen sind es Medea und Circe, jene mit ihren Giften und Kräutern, diese mit ihren Säften und dem magischen Stabe; bei deu Römern die gespenstischen Strigm, Lamien und Empusen, und im Mittelalter die zahllosen, meist jungfräulichen Hexen des Christentums, an die sich Zauberspuck und Geisterwesen am liebsten anschlossen. Diese Thatsache hat Johannes Scherr in seiner „Geschichte deutscher Kultur und Sitte" so zu begründen gesucht: „Warum", so fragt er bei der Besprechung der Hexenprozesse, „kehrte sich die Verfolgungswuth gegen das schwächere und schönere Geschlecht?" und er giebt darauf die Antwort: „Weil in der Zauberkunst etwas Heimisches, Stilles, Abgeschlossenes lag, was sich mit dem männlichen Charakter weniger vertrug, hielt man von uralters die Frauen zauberischer Künste für fähiger als die Männer." Auch rührt daher die sprachliche Erscheinung, daß im Deutschen der „Hexe" kein Ausdruck männlichen Geschlechtes von gleichem Sinne entspricht. Man findet im Mittelalter kauin ein Volk, welches von diesein Glauben an Hexen frei gewesen wäre, und es ist daher eine sehr düstere Seite, welche die Geschichte des Hexenprozesses von dem verflossenen Jahrtausend entrollt. Das Judentum wiederum nimmt, wie in der biblichen Zeit, auch in seiner talmudischen Ausgestaltung an diesem Zweige der Zauberei nur einen geringen Anteil. Sein weibliches Idol ist Lilith. Um den Ursprung derselben kennen zu lernen, wollen wir einen Blick auf die babylonische Magie werfen. Das älteste Denkmal des altorientalischen Zaubers ist eine in Ninive 1866 aufgefundene Tafel. Die auf dieser Urkunde aufbewahrte Dämonenlehre der Akkader, der Urbewohner des späteren Chaldäas, hatte folgende Gestalt: Den höchsten Platz nehmen zwei Klassen von halbgottartigen Wesen ein. Diesen untergeordnet sehen wir auf der einen Seite die guten, auf der anderen die bösen Geister oder Dämonen. Die letzteren hausten an wüsten Stätten; sie griffen entweder in die Ordnung der Natur zerstörend ein oder richteten auf den Menschen ihre verderbliche Wirksamkeit, oder traten endlich als schreckenerregende Erscheinungen hervor. Eine besondere Gruppe bildeten unter diesen Unholden die „Dämonen der nächtlichen Krankheiten". Dieselben hießen als Nachtmännchen akkadisch lillal, assyrisch lilu, als Nachtweibchen kiel-lillal oder lilituv. Das weibliche Nachtgespenst lilituv nun ging als Lilith in die Vorstellung der Bibel über. Ja, auch noch die akkadisch-babylonische Anschauung von dem Verweilen des Gespenstes an öder Stätte ist bei Jesaia 34, 14 festgehalten: „Es treffen dort (auf der verwüsteten Erde) Steppentiere und Schakale zusammen, ein Waldbock ruft den anderen herbei; dort auch rastet Lilith und findet ihre Ruhestatt." Während in dieser einzigen Bibelstelle Lilith noch ganz unbestimmt als