Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1886)
- Date
- 1886-11-01
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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MWWWWWWWWWMWMW — 247 ein harmloses Privatvergnügen mit Gleichgültigkeit hinweggegangen werden, wenn die Anmaßlicheren dieses im Uebrigen so ehrenwerten Standes es sich nicht hätten einfallen lassen, gegen die lichtfreundlichen Rabbiner und gegen die Reform überhaupt Front und Opposition zu machen. Etwas Verkehrteres und Verderblicheres aber als dieses denkfaule und mundfleißige Lästern auf die noch junge Reform kann ich mir überhaupt nicht denken. Es ist die möglichst selbstmörderische Verwüstung des eigenen Geistesbodens. Die Verdienste der synagogalen Verbesserung und die Erzeigung eines besseren Gesammttoncs sind in der That viel umfassender als die bornirte Kurzsichtigkeit der Altagsmenschen zu würdigen vermag. -Wenn man sich aber überzeugen will, daß der jüdische Fortschritt eine Wahrheit ist, wenn man überhaupt das Judentum von seiner schönen und liebenswürdigen Seite kennen lernen will, dann merke man sich die Oerter, wo man nicht hingehen soll. Man gehe bei Leibe nicht in das Bet-Ha-Midrasch zu New-Uork oder Chicago» man besuche nicht die Conventikel, wo der „Mainzer Israelit" gelesen wird; man verirre sich nicht in die dumpfen Schiurstuben von Halberstadt, Hamburg, Frankfurt a. M., Würzburg, wo wenig „Peschat" (logische Erklärungsweise) gelernt, aber desto mehr gefastet wird und wo nicht nur der Leib sondern auch das Gehirn fastet.-Man setze sich auch nicht bei der dritten Sabbatmahlzeit reicher Amsterdamer oder Wiener Fanatiker nieder und wären sie selbst viplomirte Commerzienräthe." Jost war kein Redner, jedoch ein scharfer Kritiker homiletischer Erzeugnisse. Zeugnis davon giebt seine Recension über Dr. W. A. Meisel's Antrittsrede in Budapest im Ben Chanaja Bd. II. S. 530. Er zeigte, daß er auch, wenn es noth that, kritisches Standrecht üben konnte. Er wollte damals mit dieser Aufsehen erregenden Recension mehr die Gemeinden, welche ihre Lehrkanzeln nicht an de» Würdigsten, sondern an den Lautesten vergeben, treffen. Sonst liebenswürdig und human konnte er, wo es sich um ein Princip handelte, schneidig und unumwunden die kältesten Wahrheiten sagen. Zu den originellsten Persönlichkeiten aus dem Jost'schen Kreise gehört wohl Joseph Johlson (1777—1851), ein gelehrter fleißiger wohlwollender aufgeklärter Mann, der kein Glück in seiner Ehe gefunden und der dadurch, daß er sich selbst zu persifliren liebte, dem Sarkasmus der Außenwelt ungehemutt Thür und Thor geöffnet. Sind ja in Frankfurt a. M. noch die schönsten Erzählungen über diesen interessanten Mann zu hören. Johlsohn schrieb ein „Gesangbuch der Israeliten", jedoch die Lieder waren zumeist protestantischen Sammlungen entnommen und nur dürftig dem jüdischen Bedürfnisse angepaßt. Statt „Jesus" sagte er „Herr", „Einziger". „Mein Hort" u. s. w. Durch ein Spiel des Zufalls oder durch einen neckischen Einfall des Setzers blieb der Name „Jesus" aus Versehen einmal stehen und ein Bogen mußte in der ganzen Auflage entfernt und durch einen sogenannten Karton ersetzt werden. Es soll sich noch, wie Jost behauptete, ein Exemplar der ursprünglichen Ausgabe, in der dieser Bogen noch vorhanden ist, im Privatbesitze zu seiner Zeit erhalten haben. Originell war auch Juda Samuel Adler. Gesprächig, breitschultrig, witzig, schriftgelehrt, etwas keck und über den Aufllärungapparat der Loge verfügend. Im Jahre 1866 stieg mit ihm ein Stück Franfurter jüdisches Leben^ins Grab. Am 30. Juni 1860 begieng Jost sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Lehrer an der israelischen Realschule und am 20. November 1860 wurden seine sterblichen Reste zur Ruhe gebettet. Wir sind Herrn Zirndorf für seine Schrift, über die wir ein ausführliches Referat gegeben, zu Dank verpflichtet. Hoffentlich werden viele ehemalige ü