Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1886)
- Date
- 1886-11-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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245 Lebens, als sonnig, frisch, geistesklar» gesprächig, mitunter zwar etwas methodisch steif aber immer human und den idealen Zügen hingegeben geschildert. Im Jahre 1811 verfaßte Weil eine apologetische Schrift: „Fragmente aus dem Talmud"'. Auch der Verfasser des Buches: „Die Religion des Geistes" Dr Salomon Formstecher aus Offenbach zählte zu Jost's Freunden. Zost hat!bei seiner anstrengenden viel Zeit beanspruchenden Lehrthätigkeit es nur durch seinen riesigen Fleiß fertig gebracht, litterarisch zu arbeiten. Er stand sehr früh! auf, bereitete sich jahraus jahrein allein sein Frühstück und gieng frisch an die Arbeit. Diesen Morgenstunden verdankt die Welt die reifsten Früchte seines Geistes. Wollte er ja sogar schon in den Morgenstunden Besuche empfangen! Herr Lehrer Klingenstein in Ober-Ingelheim wird davon zu erzählen wissen, er, den er, als er ihn beim Tage besuchen wollte, nicht empfieng und ihm, als er ihn dadurch verletzt sah, allen Ernstes zurief „Nun meinetwegen, wenn Sie absolut wollen, aber morgen Früh Punkt 5 Uhr." Jost verstand es wie kein Zweiter jeden Zeitsplitter, jede ihin gegönnte Pause, geistig zu verwerthen. Er gieng selten später als 10 Uhr zu Bette. Seine Mahlzeiten waren kurz und einfach und durch strenge Mäßigkeit zeichnete er sich aus. Unabhängigkeit im Leben und Wirken galt ihm als das erstrebenswerteste Ziel. Diesen Unabhängigkeitssinn scheint Jost seinem älteren Freunde, dem Kantianer Lazarus Bendavid, abgelauscht zu haben, ohne bei aller Sparsanikeit, die dazu gehörte, in dessen Cynismus zu geraten. Sein Ruf als geizig ist unbegründet, wenn er auch in die Schwächen vieler deutschen Gelehrten verfiel mit dem Porto äußeZt karg zu sein. Der weitausschauende Geschichtsschreiber konnte sich darüber nicht beruhigen, daß ein Verlagsbuchhändler es verabsäumt hatte, ein ihm zugesandtes Recensions-Exemplar zu frankiren. Ein Brief, den er an Herrn Di . Formstecher in Offenbach addressirt hatte, blieb eine ganze Woche liegen, weil sein Biograph von einem Ausfluge nach dieser Nachbarstadt gesprochen. Jost war auch auf anderen Litteraturgebieten als den jüdischen thätig. In Berlin bei Amelang erschien von ihm ein „Wörterbuch der in Shakespeare vorkommenden veralteten Ausdrücke". Jost war durch sein Geschick gestält. Noth und Elend waren has Loos seiner Jugend. In demselben Jahre, wo Jost geboren wurde, erblindete sein alter Vater und von seinem fünften bis zu seinem zehnten Lebensjahre diente der junge Jsaac Marcus, der später der Führer durch die Geschichte Israels geworden,-dem erblindeten Greise als solcher. Als 1803 sein Vater starb, war kaum Geld für den Sarg da. Mit dem Tode seines Vaters verließ Jost seine Vaterstadt und kam nach Wolfenbüttel in die Samsonschule, woselbst Leopold Zunz sein Mitschüler und Freund geworden. Was Herr Dr. Zirndorf von einem von diesen beiden strebsamen jungen Freunden erfundenen nützlichen lexicologischen Spiele berichtet, welches darin bestand, daß der eine ein zweibuchstabiges hebräisches Wort anführte, worauf der andere ein Wort nannte, das mit dem Endkonsonanten des vorigen Ausdruckes anfing und so immer weiter, bis der Vorrath erschöpft war, so ist das dahin zu berichtigen, daß dieses Spiel unter der Bezeichnung „Plewenen" auch in anderen Kreisen üblich war,*) also seinem Ursprünge nach nicht in Wolfenbüttel zu suchen ist, wie wir denn auch hier gelegentlich darauf Hinweisen möchten, daß „Nebich" (S. 241), dieser Ausruf zur Bezeichnung des Mitleids, weder mit dem deutschm „Nie bei Euch", noch viel weniger mit dem hebräischen „n»bLob" „kläffen" verwandt ist, sondern auf das slavische „nebohy“ („der Arme!") zurückruführen ist. Interessant ist, was Herr Zirndorf über 'Die Zusammenkunft des Geschichtsschreibers Grätz *) Löw, die Lebensalter in der jüdischen Litteratnr S. 3bv.